An(ge)dacht

Was sind das nur für unübersichtliche Zeiten! Alles, alles, alles ist durch „Corona“ bestimmt. Nachrichten, was zu tun oder zu lassen ist, gehen hin und her. Ich merke eine große Hilflosigkeit. Gilt das alles auch mir? Bin ich betroffen? Trage ich das Virus in mir? Trage ich es weiter? Wie kann ich mich und andere schützen? Viele haben Angst. Mit Krisen fertig zu werden, haben wir verlernt. Wir brauchten es ja nicht. Andere wollen cool sein und versuchen ganz normal weiterzumachen. Aber das geht nicht. Das öffentliche Leben liegt völlig brach, das private Leben läuft eingeschränkt. Morgen schon kann ich unter Quarantäne stehen. Bin ich darauf vorbereitet? Morgen schon, kann das Virus bei mir ausbrechen. Wie gehe ich damit um? Und ein Ende ist ja überhaupt noch nicht in Sicht. Was kommt noch alles auf uns zu? Lebensmittel horten, Toilettenpapier in größeren Mengen vorrätig haben, Medikamente und Desinfektionsmittel kaufen, so weit das überhaupt möglich ist. Ist es das, was ich tun muss?

Kirchengemeinden haben ihren gesamten Betrieb bis auf wenige Ausnahmen eingestellt. Es finden bis auf Weiteres keine Gottesdienste statt. Wie lange? Ostern ohne Gottesdienst? Das ist kaum vorstellbar. Ich spüre deutlich, dass wir Trost brauchen, Zuspruch in diesen chaotischen Zeiten. Wir suchen nach Sicherheit, nach einer Perspektive. Lätare heißt der morgige Sonntag, „Freue dich!“ In der Mitte der Passionszeit geht es auf einmal um Freude, um Fröhlichkeit. Worauf dürfen wir uns denn freuen? Gerade sind unsere Tage durch Sorgen und Unannehmlichkeiten bestimmt. Und doch sollen wir uns freuen und den Blick nach vorn wenden, hin zu Ostern, das fröhlichste Kirchenfest; weg von all dem, was uns beschwert, hin zu neuem Leben. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Bedrängnis.“ So können wir es im 2. Korintherbrief nachlesen. Gott der barmherzig ist, tröstet uns. Er lässt uns nicht verzweifeln, er schenkt eine neue Perspektive auch in scheinbarer Perspektivlosigkeit. Er gibt uns den Trost, den wir suchen und den brauchen. Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth: „Auch wenn ich viel durchstehen muss, gibt er mir immer wieder Mut. In allen Schwierigkeiten ermutigt er uns und steht uns bei.“ Paulus hat das so erfahren und gibt nun diese Erfahrung an die Gemeinde weiter. Er ermutigt sie: „Weil Gott mir immer wieder Mut gibt, kann ich anderen Mut machen, die Ähnliches durchstehen müssen. Ich kann sie trösten und ermutigen, so wie Gott mich selbst getröstet und ermutigt hat.“ Paulus stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Er mobilisiert dazu, zusammen zu halten, sich nicht entmutigen zu lassen, sich nicht unterkriegen zu lassen, sondern stattdessen einander beizustehen und zu helfen. Paulus lenkt dabei den Blick auf Ostern, das Fest des Lebens, das uns frei macht, von allem, was uns schwer ist, das uns Orientierung gibt in unübersichtlichen Zeiten, das uns gelassen sein lässt in allem Chaos, das um uns herum herrscht. Das heißt doch, es gibt tatsächlich Größeres als „Corona“, nämlich neues Leben durch Gott. Freue dich auf das Leben!

Pfrn. Annette Beer