An(ge)dacht zum Reformationstag und Allerheiligensonntag 2020

In vielen evangelisch-lutherischen Kirchen und Gemeindehäusern hängt ein Bild von Matin Luther. Eine Zeit lang waren sie in den Hintergrund getreten, aber nun sind sie Allerorten wieder da. Ja, zusätzlich zu den alten oder älteren treten neue Lutherbilder. Da hat die Lutherdekade, die uns auf das Reformationsjubiläum 500 Jahre Wittenberger Thesenanschlag 2017 vorbereitet hat, so manches zu beigetragen: Lutherbonbons und Lutherkekse, Lutherstifte und Luthertaschen, Lutherstempel und Luthermagnete, Aufkleber, Banner und Fahnen und vor allem die nach Vorbild des Wittenberger Lutherdenkmals vom Künstler Ottmar Hörl geschaffenen Plastikfiguren, die nun hundertfach in die Welt gegangen sind. Luthers Konterfei ist im evangelisch-lutherischen Raum allgegenwärtig.

Ist also der Reformationstag immer mehr eine Rückbesinnung auf Martin Luther? Steht er jetzt als evangelischer Heiliger im Mittelpunkt eines Festes, das am Vortag zu Allerheiligen seinen besonderen Ort hat?

Vor der Reformation hatte in Herford die Heiligenverehrung und besonders das Pilgerwesen auf dem berühmten Jakobsweg ein solches Ausmaß angenommen, dass die Äbtissin sich genötigt sah, dafür und natürlich besonders für den heiligen Jakobus selbst eine eigene Kirche erbauen zu lassen. Und die Heiligen- und Reliquienverehrung florierte.

Allerdings haben die Menschen an der reformatorischen Lehre dann eines sehr schnell begriffen: Dass man aus Werken nicht selig wird. Und so unterließen sie das Pilgern und Spenden. Die Jakobikirche stand ungenutzt und ungebraucht. Was sollte man auch mit einem Ort der Heiligenverehrung, wenn man stattdessen lieber in der Hausgemeinschaft in der Bibel las.

Aber den Radewigern ließ diese Kirche dann doch keine Ruhe. Ein ungenutztes Gotteshaus mitten in ihrem Viertel war ihnen ein Dorn im Auge und so bemühten sie sich erfolgreich um die Umwidmung von der Pilgerkirche zur Pfarrkirche.

Und heute haben wir nun das Reformationsfest. Wir gedenken des großen Reformators Martin Luther. Bedeutet das nun eine Umformung der Reformation und die Neuentdeckung der Heiligen auch für die Evangelische Kirche? Eine Entdeckung von evangelischen Heiligen an deren vorderster Spitze dann Martin Luther steht?

Wir kennen die gegenseitigen Vorurteile zwischen der römisch-katholischen und der evangelischen Konfession. Warf man uns vor, dass wir geschichtslos und ohne die Würdigung der verdienten Christen leben, wurde von evangelischer Seite der Vorwurf laut, dass die Heiligenverehrung mit ihren Reliquien Abgötterei sei. So hat der Gedenktag der Reformation genauso wie das Allerheiligenfest manche schroffe und verletzende Predigten hervorgebracht.

Aber es geht auch anderes! Und muss um Christi Willen anders gehen. Unser heutiges Evangelium des Reformationstages ist auch das Evangelium des Allerheiligenfestes. Christinnen und Christen beider Konfessionen besinnen sich auf den Text aus dem Matthäusevangelium (Matthäus 5,1-12). Sie nehmen die Bergpredigt und deren Seligpreisungen ernst und versuchen nach ihnen zu handeln.

Vom Tragen des Leids und Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit ist da die Rede. Von Barmherzigen, solchen, die reinen Herzens sind, und Friedensstiftern ist da die Rede. Die alle sind selig. Jesus sagt es zu.

Nun also doch eine Gerechtigkeit, eine Seligkeit nach den Werken? Nur wenn wir das alles tun, sind wir in Gottes Augen gerecht und werden selig? Ja, dann kann ein Mensch, wie zum Beispiel Martin Luther, eben doch zum Heiligen werden? Wer also fromm und vorbildlich lebt, wird unter die Heiligen gerechnet?

So sagt es Jesus aber nicht. Und so verneint es Paulus im Römerbrief ausdrücklich. „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ Diese Taten sind keine Verdienste mit denen wir irgendetwas erkaufen können. Das Richten nach den Seligpreisungen ist kein Verdienst. Nicht, weil einer das tut, wird er gerecht, sondern eher schon umgekehrt. Nicht, weil einer dies alles erfüllt, wird er selig, sondern eher schon umgekehrt. Die Frage ist nicht, was muss ich tun, um selig zu werden, sondern was muss ich tun, weil ich selig bin? Was muss ich tun, weil Gott mich angenommen hat? Was muss ich tun, weil Gott mich liebt?

Denn Gott hat uns geliebt, ohne vorher nach Leistungen zu fragen. Gott liebt uns, ohne dass wir es verdient hätten. Es ist sein Geschenk an uns. In Jesus hat er es uns gebracht. Wir sind von ihm angenommen. Wir brauchen uns bei Gott nicht „lieb Kind“ zu machen, sondern wir sind seine geliebten Kinder. Wir sind gerecht. Und wir sind selig.

Das ist die große Erkenntnis der Reformation. Das ist der reformatorische Durchbruch Martin Luthers. Er hat erkannt und verkündet, dass wir durch Gott seine Kinder sind, dass Gott uns gerecht macht, weil er uns liebt. „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“

Nur – leider – merkt man davon bei uns oft nur sehr wenig. Wir leben nicht konsequent als Gottes Kinder. Wir leben nicht die Liebe, die wir von Gott empfangen haben.

Aber da erwartet Jesus anderes. Er erwartet, dass wir uns entsprechend unserem Geschenk verhalten. Er erwartet, dass wir die geschenkte Liebe weitergeben. Er erwartet Früchte unseres Glaubens.

Das kann nicht allein im Großen sein, sondern soll im Kleinen anfangen. Wir haben immer wieder in der Geschichte gesehen, wie Hass, der zu Kriegen führt, in den Herzen anfängt. Wir haben gesehen, wie Neid und Feindschaft im Herzen zu einem Weltbrand werden kann. Auch Freundschaft und Liebe müssen da ihren Ausgangspunkt haben. In den Herzen der von Gott geliebten Menschen muss Liebe und Freundschaft beginnen. Da können wir uns eines Menschen annehmen, der zwar mitten unter uns, aber am Rande der Gesellschaft lebt. Da können wir Vorurteilen entgegentreten. Da können wir uns für den Schutz der Flüchtlinge und Asylanten in unserer Region einsetzen. Da können wir für den Frieden in der Welt beten.

Martin Luther wollte nie als Mensch verehrt werden. Er nahm, so belegen es viele Zitate, sich selbst nicht so wichtig. Aber die Verkündigung der Schrift und das Besinnen auf die Bibel waren ihm stets ein wichtiges Anliegen. Und so kann keine Lutherdarstellung in einer evangelisch-lutherischen Kirche oder Gemeindehaus zu einer Heiligenverehrung führen, aber uns auf die reformatorische Erkenntnis hinweisen:

Wir sind Gottes geliebte Kinder und dadurch selig. In der Bibel können wir das erfahren und nachlesen. Lassen Sie uns dies auch leben!

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Reformationstag und einen gesegneten Allerheiligensonntag!

Ihr Pfarrer Johannes Beer