An(ge)dacht zum 5. Sonntag nach Trinitatis – 12.7.2020

von Pfarrerin Annette Beer, Kirchengemeinde Herford-Mitte.

Neu anfangen?

Alles hinter sich lassen, neu anfangen: das erfordert Mut und Vertrauen! Hätten Sie so viel Mut, so ein großes Vertrauen? Ich weiß, ich brauche Sicherheit, ich brauche das Vertraute. Und ab einem gewissen Alter, wird es immer schwieriger, sich auf Neues, Unbestimmtes einzulassen.

Im 1. Buch Mose im 12. Kapitel lesen wir: Der HERR sprach zu Abram: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte. (1.Mose 12,1-4a)

Gott fordert Abram auf: „Geh fort, verlass deine Heimat, verlass die Menschen, die dir etwas bedeuten, verlass alles, was dir lieb und wert ist.“ Ist das, was Gott Abram da aufbürdet, nicht eine ziemliche Zumutung? Abram ist bereits 75 Jahre alt, er hat keine Not, er sieht keine Veranlassung fortzugehen. Warum also sollte Abraham, der hier noch Abram heißt, freiwillig alles hinter sich lassen und in eine ungewisse Zukunft gehen?

Wie gut hätten wir ihn verstanden, wenn er gesagt hätte: „Nein, nie im Leben lasse ich mich darauf ein. Ich will mein Land, meine Sippe, mein Vaterhaus nicht verlassen. Hier lebe ich sicher und zufrieden. Warum sollte ich mich ins Ungewisse aufmachen? So ein Abenteurer bin ich nicht. Ich weiß nicht einmal, wo meine Reise endet. Ein Land, das Gott mir zeigen will, ist ein sehr vages Ziel. Nein, darauf kann und will ich mich nicht einlassen.“

Doch es wird erzählt: Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte. Abram folgte Gottes Aufforderung vertrauensvoll, und er machte sich auf in eine unbestimmte Zukunft. Das, was Gott Abram zusagte, beeindruckte ihn so, dass er gar nicht anders konnte, als diesen Auftrag anzunehmen und etwas sehr Ungewöhnliches zu tun. Was war das Besondere, das Gott ihm verheißt? Warum konnte sich Abram so zuversichtlich darauf einlassen?

„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“. Das ist die wunderbare Zusage Gottes an Abram. Deswegen kann Abram darauf vertrauen, dass alles gut wird, deswegen macht er sich in eine völlig offene Zukunft auf. Gott verspricht Abram Glück und Erfolg und die Macht, in seinem Namen Segen über die Völker zu bringen. Gott sagt zu Abram: „Ich werde dich zum Stammvater eines großen Volkes machen und dir viel Gutes tun; dein Name wird überall berühmt sein. Durch dich werden auch andere Menschen am Segen teilhaben. Wer dir Gutes wünscht, den werde ich segnen. Wer dir aber Böses wünscht, den werde ich verfluchen! Alle Völker der Erde sollen durch dich gesegnet werden.“ Das ist eine Verheißung, der sich Abram nicht entziehen kann, und er weiß nun, seine Zukunft wird eine gute Zukunft. So macht sich Abram getrost auf den Weg, denn er weiß ja, Gott segnet ihn, Gott ist an seiner Seite. Es wird alles gut gehen.

Abraham stürzt sich also nicht in irgendein Abenteuer, sondern wir erkennen hier eine Gewissheit, sich auf das Besondere, auf etwas Riskantes einlassen zu können, weil Gott entscheidend mithandelt. Gott verheißt Abraham Gutes, und Abraham ist sich sicher, dass es erfüllt wird.

„An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemand segne“, sagt Gott zu ihm. Und: „Alle Völker der Erde werden Glück und Segen erlangen, wenn sie dir und deinen Nachkommen wohlgesonnen sind“. Die Geschichte Gottes mit Abraham und allen, die so vertrauen wir er, steht unter dem Zeichen des Segens. Und das macht hellhörig, das motiviert und aktiviert. Das gibt so viel Kraft und Aufschwung, dass es möglich ist, auch im fortgeschrittenem Alter, Neues und noch Unsicheres zu wagen.

Das, was Gott mit uns Menschen vorhat, erschließt sich uns nicht immer. Unsere Wege sind oft genug ungewiss, manchmal scheinen sie uns gefährlich, manchmal empfinden wir sie als Zumutung. Und doch können wir mutig sein. Wir hören, wie Gott uns sagt: „Mach dich auf, bewirke etwas, setz dich ein! Was auch immer es sein kann, zeige, was du unter meinem Segen schaffen kannst. Zeige, wie dir ungeahnte Kräfte zuwachsen, wie das Vertrauen dich stärkt und mutig macht, Ungewöhnliches zu wagen!“

Vielleicht trauen wir uns nicht, Vertrautes aufzugeben, Unbequemes auf uns zu nehmen. Doch nehmen wir uns Abram zum Vorbild: Wir spüren der wechselhaften Geschichte Abrahams nach und wir entdecken, ihm ist es ergangen wie uns: Nicht immer ist bei ihm alles glatt gelaufen. Abraham machte Fehler, er wurde schuldig, er erlebte Schweres, aber, und da ist er uns Vorbild: immer blieb er Gott treu. Und Gott segnete ihn und seine Familie. Und wir wissen davon, dass Gott seine Versprechen wahr gemacht hat und Abraham zum Stammvater Israels wurde. Sein Name wurde in aller Welt berühmt. Und an ihm wurde sichtbar, was es bedeutet, wenn Gott segnet.

Wie gehen wir nun damit um? Unser Vertrauen, unser Glaube ist oft klein. Schnell verlässt uns der Mut, wenn wir uns auf etwas Neues einlassen sollen. In einem gewissen Alter setzen wir auf Behaglichkeit und Sorglosigkeit. Und doch sind auch wir aufgefordert: „Geh, mach dich auf, verlass alte Strukturen, lieb Gewordenes, allzu Vertrautes! Gott segnet dich und du wirst zum Segen für andere!“ Dem kann ich mich nicht entziehen und das heißt doch: Ich muss mich umblicken, Menschen und Dinge wahrnehmen und entdecken, wo ich für andere zum Segen werden kann. Aktiv werden kann ich als junger und als alter Mensch: Es ist vielleicht meine Haltung zu bestimmten Dingen, mit der ich auffalle: Wie stehe ich zu einer Politik des Donald Trumps, wie positioniere ich mich zu der Frage, wie Flüchtlingen geholfen werden kann, wie stehe ich zu sozialer Ungerechtigkeit? Sage ich meine Meinung oder halte ich mich ängstlich zurück, wenn Menschen ungerecht oder rücksichtslos behandelt werden? Bete ich für die, die es mir schwer machen? Helfe ich auch denen, von denen ich nichts Gutes weiß?

Ich muss nicht einmal meine Heimat und lieb Gewordenes verlassen, ich bleibe in der Sicherheit, die ich habe, aber ich muss meine Haltung überdenken, ich muss meine Bequemlichkeit über Bord werfen und bereit sein, andere wahrzunehmen. Auch das kann herausfordernd sein, aber ich habe Gottes großartige Zusage, dass ich ein gesegneter Mensch bin. Und ich darf sicher sein, dass Menschen durch mich Segen erleben, denn Gott verheißt: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Amen.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen

Ihre Pastorin Annette Beer