An(ge)dacht zum 2. Sonntag im Advent am 6.12.2020

Mit einer Reihe von Menschen standen wir vor vielen Jahren im Hafen, als Esbjerg das Ziel der großen Segelschulschiffregatta war. Und natürlich war die Ankunft der ersten Großsegler ein besonderes Ereignis, das viele zusammenlaufen ließ. Vor allem die Kinder waren ganz aufgeregt.

Ein kleiner Junge in unserer Nähe rief immer wieder: „Guck mal! Ein Schiff! Da kommt ein Schiff!“ Er rannte auf und ab und hin und her. Er konnte es kaum fassen. Ein richtiges großes Schiff kam da von Ferne auf den Hafen zu. Noch war nur wenig zu erkennen. „Was das wohl für eines ist?“ fragte er. Und Weiter: „Was da wohl für Leute drauf sind? Was das wohl geladen hat? Ob da wohl Schätze drauf sind?“ Die Fragen purzelten nur so heraus. Und die Gedanken schwirrten durcheinander.

Als das Schiff dann näher kam, zeigten sich Masten, weiße Segel und ein bauchiger Rumpf. Es war einer dieser älteren Segler. Ein schönes und eindrucksvolles Schiff.

„Guck mal,“ ließ sich wieder der Junge vernehmen. „Das ist aber eine großes Segelschiff! Wie die, die immer das Gold transportierten! Wie die, die, die Seeräuber hatten!“ Erwartungsvoll blickte er dem Schiff entgegen. Kaum noch konnte er das Warten bis zu dessen Ankunft aushalten. Vor Freude glühten seine Wangen, während das Schiff naturgemäß nur langsam näher kam. Ganz Langsam bewegte es sich auf den Hafen zu.

Hinter dem Jungen summte seine schwangere Mutter, während auch sie dem Schiff entgegensah, eine alte Melodie. Ich war, es war schließlich mitten im Sommer, etwas überrascht. Und auch der Junge war aufmerksam geworden. „Was summst du denn da?“ fragte er neugierig. „Nun,“ sagte die Mutter und strich sich über ihren gewölbten Bauch, „es ist ein Adventslied. Dieses Lied handelt von der Ankunft eines Schiffes.“

„Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein‘ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.“

Immer schon waren Menschen von Schiffen fasziniert. Immer schon standen Schiffe für die Ankunft von etwas Neuem, für die Ankunft von Gütern oder gar Schätzen. Daran hat sich nichts geändert.

Advent, das heißt übersetzt Ankunft. Und so ist es nicht verwunderlich, dass Johannes Tauler, der Straßburger Mönch, das Bild von der Ankunft eines Schiffes für sein Adventslied genommen hat. Wie oft mag er wohl – vielleicht nicht nur als Kind – im Straßburger Hafen sehnsüchtig den Rheinschiffen entgegengeblickt haben? Wie oft mag er das Schauspiel eines ankommenden Schiffes beobachtet haben?

Als frommer Prediger und geachteter Geistlicher war ihm klar, dass der größte Schatz auf Erden Gottes Sohn ist. Natürlich kann man damit nicht einkaufen gehen. Aber Gottes Sohn macht reich. Mit Gottes Sohn kann man seine Schuld bezahlen, die Schuld vor den Menschen und vor Gott.

Was also liegt näher, als die Ankunft des größten Schatzes mit den Erwartungen an ein Schiff zu knüpfen? Zumal die bauchigen Schiffe aus Taulers Zeit auch als Symbol für eine schwangere Frau galten. Und so malt dies bekannte Adventlied das Bild vom Schiff aus.

Wir sehen es geradezu vor uns, wie es majestätisch langsam in den Hafen gleitet. Ganz tief liegt es im Wasser. Wir sehen ihm an, dass es schwer beladen sein muss. Ein stolzer Mast ragt empor und das Segel bläht sich leicht im Wind. An schwerer Kette hängt ein großer Anker, der klatschend ins Wasser gelassen wird, versinkt und schließlich – die Kette strafft sich – Halt findet. Das Schiff hat angelegt. Die Luken öffnen sich und die Ladung wird für die Wartenden offensichtlich.

„Zu Bethlehem geboren im Stall ein Kindelein.“

Das ist die Ankunft, der wir im Advent mit froher Hoffnung entgegensehen. Voller Erwartung auf Weihnachten sind wir und freuen uns auf die Ankunft des Christus-Kindes. Gerne wollen wir mit Freuden zu dem Kind rennen. Wir wollen es, mehr noch als alle anderen Säuglinge, auf die Arme nehmen, es an unser Herz drücken und es mit Küssen bedecken.

„Ja, aber!“ sagt darauf unser Adventslied. zum Kind gehört der Mann. Der süße Knabe ist ohne den Leidenden nicht zu haben. Krippe und Kreuz gehören untrennbar zusammen. Erst wer in dem Kind auch den Gekreuzigten und den Auferstandenen sieht, wird den ankommenden Schatz ganz erkennen. Erst wer an Weihnachten schon Karfreitag und Ostern mit im Blick hat, kann richtig den Advent begehen. Nur, wer sich in diesen Tagen auch auf den wiederkommenden Christus vorbereitet, kann dann richtig Weihnachten feiern.

Maria, der dies Lied ursprünglich gewidmet ist, hat sich auf Gottes Willen eingelassen. Sie hat sich dienend Gott unterstellt. Sie hat als Mutter weit über die Krippe hinaus ihren Sohn begleitet, auch durch die schwierigen Zeiten des Lebens. Sie gehört zu den Frauen, die mit Jesus nach Jerusalem ziehen. Sie steht, als viele andere lange geflohen sind, unter dem Kreuz und folgt ihrem Sohn bis zum Grab. Sie erlebt sein Leiden und Sterben. Aber sie gehört auch zu denen, die als erste von der Auferstehung erfahren.

Der Junge in Esbjerg war, während seine schwangere Mutter „Es kommt ein Schiff geladen“ summte, voller Vorfreude und Hoffnung auf das ankommende Schiff. Genau solche frohe Erwartung und Hoffnung dürfen wir Christus entgegenbringen und uns auf sein Kommen in unsere Welt und seine Wiederkunft freudig vorbereiten.

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Der Anker haft‘ auf Erden,
da ist das Schiff am Land.
Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.

Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein,
gibt sich für uns verloren;
gelobet muss es sein.

Und wer dies Kind mit Freuden
umfangen, küssen will,
muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel,

danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.

Ich wünsche Ihnen allen einen hoffnungsvollen Advent!

Ihr Pfarrer Johannes Beer