An(ge)dacht zum 1. Sonntag im Advent am 29.11.2020

Wir feiern wieder Advent. Mit großen Schritten gehen wir auf Weihnachten zu. Wir freuen uns auf diese besondere stimmungsvolle Zeit, auch wenn in diesem Jahr alles etwas anders sein wird. Wir freuen uns darauf, die vertrauten und beliebten Lieder zu hören und zu singen. In den Gottesdiensten werden wir keine Adventslieder singen dürfen, aber Zuhause dürfen wir sie schmettern.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott,
mein Schöpfer reich von Rat.

Dieses Lied ist wohl das bekannteste Adventslied. Gleich unter der Nummer 1 finden wir es in unseren evangelischen Gesangbüchern.

Im Advent des Jahres 1623, also im 30jährigen Krieg, einer Zeit der Unsicherheit und Angst, dichtete Pfarrer und Kirchenliederdichter Georg Weissel (1590-1635) dieses Adventslied. Anlass war die Einweihung der neu errichteten Altroßgärter Kirche in Königsberg.

Georg Weissel hat sein Lied an Psalm 24 angelehnt, der bei uns am 1. Adventssonntag Wochenpsalm ist: Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!

In weiteren Strophen des Liedes nimmt Weissel die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem auf, das Evangelium des 1. Sonntags im Advent aus Matthäus 21, in dem der Vers aus dem Buch des Propheten Sacharja zitiert wird: Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. (Sach 9,9)

Die ersten vier Strophen werden durch einen Refrain verbunden: „Gelobet sei mein Gott“. Dabei wird Gott in den ersten drei Strophen als „Schöpfer“ (Vater), „Heiland“ (Sohn) und „Tröster“ (Heiliger Geist) gelobt; in der vierten Strophe kommen dann alle drei Attribute zusammen: „voll Rat, voll Tat, voll Gnad.“

Wenn wir das Lied singen, dann spüren wir, wie der sanftmütige und gerechte König, den sich eine Stadt nur erhoffen und ersehnen kann, uns immer näher kommt und sich der Sänger und die Sängerin wünschen, dass er nicht nur in die Stadt, sondern ins Herz ziehen möge. Wir wissen, dass dieser König Jesus Christus ist und so endet ja auch das Lied mit den Zeilen:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Jesus Christus, der König, von Gott selbst angekündigt, kommt tief zu uns Menschen herab und will in unsere Herzen einziehen. Er kommt als Mensch unter Menschen. Anders als weltliche Herrscher sucht er unsere Nähe und stellt sich mit uns auf eine Stufe. Er will nicht unser Gast sein, nein, er will bei uns für immer wohnen. Er will nicht hofiert oder bedient werden, sondern er will selber dienen. Er will nicht der Besondere sein, sondern er will uns zu besonderen Menschen machen, Menschen, die lebensfroh und zuversichtlich dem entgegensehen, was auf sie zukommt, Menschen, die wissen: Wir sind durch ihn gerettet.

In Georg Weissels Lied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ werden wir dazu eingeladen, diesen besonderen König freundlich zu empfangen und ihm unsere Herzen zu öffnen, denn mit ihm können wir gut leben.

Nun gibt es eine schöne Geschichte zu diesem Lied, die Georg Weissel selbst erzählt:

„Neulich, als der starke Nordoststurm von der nahen Samlandküste herüber wehte und viel Schnee mit sich brachte, hatte ich in der Nähe des Domes zu tun. Die Schneeflocken klatschten den Menschen auf der Straße gegen das Gesicht, als wollten sie ihnen die Augen zukleben. Mit mir strebten deshalb noch mehr Leute dem Dom zu, um Schutz zu suchen. Der freundliche und humorvolle Küster öffnete uns die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte: ‚Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Straßen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen‘.“

Weissel bedankte sich bei seinem Küster: „Er hat mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!“ Und er machte daraus am selben Abend das bekannte Adventslied.

Allerdings gab es dabei einen Wermutstropfen. Neben der Kirche wohnte der reiche Geschäftsmann Sturgis. Wegen der unruhigen Kriegszeiten hatte er sein Grundstück abgesichert und mit Toren abgeschlossen. Natürlich war das sein gutes Recht, doch gerade hinter seinem Grundstück befand sich das Armenhaus des Ortes. Die Menschen, die dort lebten, konnten nun nicht mehr auf kurzem Wege in die Stadt oder die Kirche gehen. Sie mussten einen weiten Umweg nehmen. Viele waren dadurch abgeschnitten, sie hatten keine Möglichkeit mehr, am Gemeindeleben teilzunehmen. Georg Weissel hätte das hinnehmen können, doch das wollte er nicht.

Am vierten Advent kam Weissel mit dem Chor zu Sturgis‘ Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Armenhaus hatten sich ihm angeschlossen. Weissel selbst hielt eine kurze Predigt. Er hatte seine Stelle gerade erst angetreten und stand vor der Haustür seines reichsten Gemeindegliedes. Weissel sprach davon, dass viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe, die Tore ihres Herzens versperrten, so dass er bei ihnen nicht einziehen könne. Und er wurde sehr konkret: „Heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor Eurem verriegelten Tor. Ich rate Euch, ich flehe Euch an bei Eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor Eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist.“ Dann sang der Chor: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit…“.

Der Geschäftsmann stand da wie vom Donner gerührt. Noch bevor das Lied verklungen war, griff er in die Tasche und holte den Schlüssel zum Tor heraus. Er sperrte die Pforten wieder auf und sie wurden nie mehr verschlossen. Die Heimbewohner hatten ihren Weg zur Kirche wieder, der im Ort noch lange Zeit „Adventsweg“ genannt wurde.

So wurde das Lied ganz konkret und schaffte es, das Herz eines eigensinnigen Geschäftsmanns zu öffnen.

Einen gesegneten 1. Adventssonntag und eine fröhliche Adventszeit!

Ihre Pastorin Annette Beer