An(ge)dacht zu Himmelfahrt, 21.5.2020

Von und mit Pfr. Andreas Smidt-Schellong, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte, im Herforder Münster

Liebe Gemeinde,

der Himmel ist unten! Damals im Kindergottesdienstalter war der Himmel noch oben. Das war schön einfach: „Jesus steigt mit seinen Jüngern auf einen Berg. Eine Wolke kommt und hüllt ihn ein. Er setzt sich auf die Wolke und schwebt dann nach oben zu Gott. Das ist Himmelfahrt.“

Jahre später lernte ich den Luthertext der Himmelfahrtsgeschichte kennen. Er lautet so:

3 Jesus zeigte sich nach seinem Leiden durch viele Beweise als der Lebendige und ließ sich sehen unter den Jüngern vierzig Tage lang und redete mit ihnen vom Reich Gottes. 7 Er sprach zu ihnen: Es gebührt euch nicht, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat; 8 aber ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. 9 Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf, weg vor ihren Augen. 10 Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. 11 Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen. 12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg. (Apostelgeschichte 1, 3.7-12)

Jetzt stehen die Jünger und Jüngerinnen auf ihren eigenen Beinen und sollen sich bewähren. Nachdem Jesus auf einer Wolke entschwunden ist, sind sie aufgefordert, nicht länger gebannt in den Himmel zu starren, sondern nach unten zu schauen. Jetzt sollen sie vor ihre Füße gucken und in Bewegung kommen, gestärkt durch die Kraft des Heiligen Geistes. Jetzt sollen sie wahrnehmen, was an der Basis der Bevölkerung los ist an Leid und sozialer Ungerechtigkeit. So wie sie dies an den Taten Jesu gesehen und durch sein Wort gelernt haben. Jetzt sollen sie dort aktiv werden, wo Veränderung nötig ist und wo sie gebraucht werden. Ganz irdisch und diesseits!

Übertragen wir den Zuspruch und die Aufforderung aus der Himmelfahrtsgeschichte einmal auf unsere Gemeinde Herford-Mitte: Dieser Geist, diese Haltung zeigt sich z.B. beim Weihnachtsbaumverkauf zugunsten der Aktion Sieben Sonnen für Herforder Familien in Not. Dieser Geist, diese Haltung ist spürbar, wenn Mitglieder des Posaunenchores vor den Seniorenheimen aufspielen und den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Freude machen, die in diesen Coronawochen keine Außenkontakte haben dürfen; ebenso bei der täglichen Essen-Verteilung durch Ehrenamtliche. Dieser Geist, diese Haltung wird konkret nicht zuletzt bei unseren Kollekten, die wir für Bedürftige sammeln oder für soziale Projekte; für gute Zwecke, die unsere finanzielle und solidarische Unterstützung dringend benötigen.

Wir könnten noch viele Beispiele ergänzen, wo wir durch ideelle Zeichen und praktische Taten unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringen und etwas Gutes bewirken – im Sinne der Nachfolge Jesu. Als christliche Gemeinde schauen wir nicht teilnahmslos in den Himmel nach der Devise „Gott wird’s schon richten.“ Wir legen nicht die Hände in den Schoß angesichts materieller oder sozialer Not, die wir hier vor Ort und anderswo in der Welt sehen. Sondern wir lassen uns davon berühren. Wir werden an vielen Stellen aktiv. Wir beteiligen uns nach Kräften. Wir tun, was uns möglich ist.

Liebe Gemeinde, lassen Sie uns noch einen Blick werfen auf diese beiden Männer in weißen Gewändern. Sie haben in der Himmelfahrtsgeschichte eine wichtige Aufgabe. Sie erinnern die Jünger und uns daran: Sucht Jesus nicht bloß oben in den Wolken! Der Himmel ist unten! Seid mündig und werdet selber aktiv! „Jesus wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel auffahren sehen.“ Ihr seid nicht allein: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen (…) und werdet meine Zeugen sein.“ (Verse 11 und 8) Nämlich so: Euer Tun – und sei es in noch so kleinen Zeichen – ist ein Beitrag zur Hoffnung. Euer Tun schafft Lichtblicke und öffnet neue Perspektiven. Auf dass Gottes Reich Wirklichkeit werde. Auf dass die Vater unser-Bitte konkret sichtbar bleiben möge: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe – wie im Himmel so auf Erden.“

Ich wünsche Ihnen und unserer Gemeinde, dass Sie / dass wir – angesteckt von den beiden weiß gekleideten Männern – in dieser Bewegung verbunden bleiben.

In einem neueren Kirchenlied wird sie so besungen:

hier können Sie das Lied hören

1. Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen, und neu beginnen, ganz neu, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns, da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

2. Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken, und neu beginnen, ganz neu, ||: da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.:||  

3. Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden, und neu beginnen, ganz neu, ||: da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.:||

Text: Thomas Laubach     Melodie: Christoph Lehmann

Haben Sie einen schönen Himmelfahrtstag!

Ihr Pfarrer Andreas Smidt-Schellong