An(ge)dacht zu Epiphanias 2021

Ob es Maria wohl etwas zu bunt geworden ist? Erst waren die Hirten, einfache etwas raue Männer aus der Gegend gekommen. Und nun standen auch noch diese hochrangigen Ausländer vor der Tür und wollten Jesus sehen und anbeten!

Auf diesem Glasgemälde von 1310 aus der Herforder St. Johanniskirche lässt sich der Gesichtsausdruck der Maria so verstehen. Kritisch und ein wenig skeptisch schaut sie auf die drei Besuchenden. Auch ist ihr Oberkörper etwas nach hinten gelehnt. Und das nicht nur, um Jesus, der auf ihrem Schoß steht, Platz zu machen. Der Kopf weicht, obwohl er leicht geneigt ist, etwas zurück. Sie sitzt auf einem Stuhl oder Hocker, der mit seinem Podest und seinen gotischen Zierelementen an ein Thron erinnert. Ein kostbarer roter Umhang, der mit leuchtenden Blumen verziert ist, und die Krone auf ihrem Kopf kennzeichnen sie als Himmelskönigin. Die Darstellung erinnert an so manche mittelalterliche Skulptur der Muttergottes, die als Objekte der Anbetung der Glaubenden aufgestellt wurden. Aber hier auf diesem frühen Glasgemälde strahlt Maria mit ihrer Haltung Zurückhaltung oder Skepsis aus.

Auf diesem Bild ist Jesus schon etwas älter dargestellt. Dies ist kein Neugeborenes oder Baby, ja nicht einmal ein kleines Kind, auch wenn dies von der Größe her hinkommt. Aber, wenn wir in das Gesicht schauen, dann sehen wir das Gesicht eines erwachsenen Mannes. Auch das erinnert an manche frühe Skulptur der Muttergottes, bei der Jesus als Erwachsener auf dem Schoß seiner Mutter thront. Auf diesem Glasgemälde hat sich Jesus umgewandt. Er schaut nun weder seine Mutter noch, wie bei so vielen Darstellung, die Betrachtenden an. Jesus hat die drei Besuchenden in den Blick genommen.

Diese drei haben ebenfalls Kronen auf dem Kopf und reiche Gewänder an. Der erste kniet vor dem Thron und präsentiert sein Geschenk. Die anderen beiden stehen dahinter, wobei der äußere, der leicht schreitende Fuß macht es deutlich, gerade erst anzukommen scheint. Der mittlere von ihnen hat eine Hand erhoben. Es erinnert etwas an die alte Gebetshaltung. Alle drei schauen auf Maria und Jesus, wobei auch der Mittlere etwas skeptisch schaut. Über der Szene leuchtet ein großer Stern.

Offensichtlich hatte Maria nicht mit diesen Besuchenden gerechnet. Und genauso offensichtlich hatte zumindest der Mittlere etwas anderes erwartet, als sie hier nun vorfanden. Aber was ist der Grund für diese vorsichtige Skepsis?

Für Maria waren die drei Besuchenden absolute Fremde. Sie waren weitgereiste Ausländer und gehörten einer anderen Religion an. Und sie waren ranghohe angesehene Persönlichkeiten. Allerdings waren sie, auch wenn die Legenden sie dazu machen, sicherlich und nach der biblischen Überlieferung keine Könige, sondern hochgebildete Sterndeuter.

Im Morgenland, in den Ländern östlich von Israel, gab es eine hohe wissenschaftliche Kultur. Gelehrte Männer betrieben ihre Forschungen. Und einige von ihnen beobachteten die Sterne. Sie versuchten, aus den Sternen das Weltgeschehen zu deuten und die Zukunft vorherzusagen. Sie meinten im Sternenhimmel wie in einem aufgeschlagenen Buch oder in einer Zeitung zu lesen. Auch galten dort die Gestirne als Götter. Deshalb war es dort wichtig und ein Teil des ganz besonderen Gottesdienstes, diese zu beobachten. Wer das tat, war ein ausgesuchter Wissenschaftler ihrer Religion. Diese Männer waren klug und galten als weise. Sie genossen in ihrem Land großes Ansehen.

Heute ist unsere Skepsis gegenüber dieser Sterndeuterei groß. Und dennoch schickte Gott diesen weisen Menschen über die Sterne eine Botschaft, die sie verstehen konnten: „Der große König der Juden ist geboren!“ Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wodurch die Weisen diese Nachricht erhielten. Wir wissen einfach nicht ob es ein Komet, eine Sternkombination oder eine andere besondere Erscheinung war. Wichtig ist nur, dass die Weisen diese Nachricht sahen, lasen und sogar verstanden. „Der große König der Juden ist geboren!“ Sie erkannten, dass dies ein besonderes Kind sein musste, dass dies ein besonderer König werden musste, dem man huldigte und den man anbetete.

Die Sterndeuter machen sich auf die lange beschwerliche Wanderung und Reisen nach Jerusalem, der Königsstadt in Israel, wo die Könige der Juden seit David ihren Palast hatten. Dort suchen sie den neugeborenen König der Juden. So verstehen sie es. Da muss er ihrem Wissen nach sein. Wo denn sonst? Sie sind ja nicht nur weise Wissenschaftler, sondern auch den Umgang an ihrem heimatlichen Königshof gewöhnt. Und neugeborene Könige, das wissen sie, sind in der Regel Söhne von älteren, regierenden Königen. Sie verstehen Gottes Nachricht, wie sie es verstehen müssen. Von Gottes Sohn, von Gottes gnädigem Handeln haben sie noch keine Ahnung. Wie sollen sie auch?

So suchen sie in Jerusalem, wo man von keinem neugeborenen König weiß. Sie klopfen an die Tore des Palastes, aber Herodes hatte keinen neuen Sohn bekommen. Die Nachricht, dass da nichtjüdische Sterndeuter eines fernen Landes einen neugeborenen König der Juden suchen, um ihn anzubeten, verbreitete sich im Palast wie ein Lauffeuer. Und auch König Herodes hört davon und fürchtete, sein Thron könne von einem anderen beansprucht werden. So ruft er die fremden Weisen zu sich und fragt sie nach ihren Beobachtungen und nach ihrem Wissen. Bei ihren Schilderungen, kommt ihm durch seine Kenntnis der prophetischen Bücher die Erkenntnis, dass hier nur der Messias gemeint sein kann, auf den so viele Juden warteten. Herodes fürchtet ihn, weil es dann mit seiner letzten schwachen Herrschaft zu Ende wäre.

Aber er tut etwas sehr wichtiges. Er bringt die Weisen, denen Gott sein Zeichen am Sternenhimmel geschickt hat, mit Gottes Wort zusammen. Er hat ihnen, wenn auch sicher zurückhaltend, von den Verheißungen der Propheten erzählt. Er hat sogar die Schriftgelehrten geholt und sie befragt. Ein Teil seines neu aufgefrischten Wissens gibt er an die Weisen weiter. Und diese nehmen es dankbar an. Durch die erste Nachricht Gottes wussten sie von dem neugeborenen König der Juden, aber erst durch die biblischen Schriften erfahren sie von dem Messias und von Gottes Liebe. Außerhalb der Bibel haben sie eine Gotteserfahrung gemacht, wie das vielen Menschen geschieht, aber erst durch die Bibel können sie Gott und dessen gnadenreiches Handeln erkennen. Nun können sie Gottes Nachricht richtig verstehen, wie Gott sie gemeint hat. Sie suchen nun den neugeborenen König der Juden, den Messias nicht mehr in Palästen, sondern lassen sich von Gottes Wort führen. So kommen sie von Jerusalem nach Bethlehem. Sie kommen von der Metropole in die Kleinstadt. Dort finden sie den Messias, der so ganz anders ist, als alle es erwartet haben. Aber die Weisen, auch wenn einer noch skeptisch guckt, erkennen ihn und beten ihn an. Sie fallen nieder und preisen und loben Gott. Sie machen dem neugeborenen Christus königliche Geschenke, Gaben, wie für einen König.

Maria mag es manchmal ein wenig zu bunt gewesen sein und sie wird sicherlich manchmal skeptisch geschaut haben. Besuche ihrer Familie und ihrer Freundinnen wären ihr vielleicht lieber gewesen. Aber, und das weiß sie seit der Ankündigung der Geburt, Jesus ist ja nicht irgendein Kind, sondern der Messias. Und so kommt alle Welt zu ihm: die Armen und die Reichen, die Nahen und die Fernen, die Einfachen und die Gebildeten, ja, und letztlich auch wir.

Schauen wir nun noch einmal genauer auf das Bild: Jesus ist ganz in Grün gekleidet. Auch seine Mutter trägt unter dem kostbarem rotem Umhang diese Farbe der Hoffnung. Für beide ist diese Kleiderfarbe eher selten auf alten Darstellungen zu finden und hat hier sicher mit der symbolischen Bedeutung dieser Farbe zu tun. Das Grün zeigt, dass hier die Besuchenden der Hoffnung der Welt begegnen und damit ihrer Hoffnung. Jesus hat sich umgewandt, um die Besuchenden in den Blick zu nehmen. Er hat den Arm ihnen entgegengestreckt und die Hand erhoben. Was auf den ersten Blick als Abwehrgeste verstanden werden könnte, ist doch genau das Gegenteil. Zeige- und Mittelfinger sind zusammengelegt und nach oben gestreckt. Die anderen beiden Finger berühren mit den Spitzen den Daumen. Dies ist der uralte Segenshaltung. So findet er sich auf unzähligen Darstellung und wird er von vielen Segnenden bis heute gebraucht. Jesus hat sich also den fremden Besuchenden zugewandt, um sie zu segnen. Menschen, die von weit her kommen, Menschen, die nicht aus dem Judentum kommen, fremde Menschen dürfen zu Jesus kommen. Sie werden von ihm in den Blick genommen. Sie werden von ihm angenommen. Sie werden von ihm gesegnet.

Gottes Sohn ist in der Welt erschienen. Er ist die Hoffnung der Welt. Er nimmt die Menschen, die Armen und die Reichen, die Nahen und die Fernen, die Einfachen und die Gebildeten, er nimmt uns alle an und segnet uns.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Epiphaniastag und eine gesegnete Epiphaniaszeit!

Ihr Pfarrer

Johannes Beer

(Das Bild: Glasmalerei von 1310 in der St. Johanniskirche in Herford)