An(ge)dacht für den 29.3.2020:

„Es sollen wohl Berge weichen…“

Von und mit Pfr. Andreas Smidt-Schellong, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte, in der Jakobi-Kirche in Herford

Liebe An(ge)dacht-Gemeinde!

Für die Passionszeit gibt es zahlreiche vorgeschlagene Predigttexte. Darunter auch den folgenden bemerkenswerten Abschnitt aus dem Propheten Jesaja. Dort im Kapitel 54 spricht Gott:

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. 9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.

10 Denn“ – und jetzt folgt als Begründung diese berühmte Zusage: – „es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“

„Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen …“

Mit dieser Botschaft tröstet Jesaja seine Landsleute im Volk Israel, die in jener aufgewühlten Krisen-zeit im 6. Jh. v. Chr. um ihr Überleben in Sorge waren durch vielerlei Anfechtung, Not und Bedrü-ckung. Einer Zeit, in der Geduld, Durchhaltevermögen auf eine bessere Zukunft nötig waren. Jesajas Worte klingen wie eine Weltuntergangsstimmung: Berge weichen, Hügel fallen hin…! Doch nach dem Komma folgt das große, hoffnungsvolle Aber: „… aber meine Gnade soll nicht von dir weichen.“

Menschen leiden Not und Elend. Doch selbst wenn die Natur, Berge und Hügel, gewissermaßen „solidarisch mitleidend“ darauf reagieren in diesen starken prophetischen Bildern; selbst wenn sogar die Natur, Gottes Schöpfung dagegen rumort, aufbegehrt, erbebt und ins Wanken gerät; selbst wenn das passieren sollte – Gottes Gnade ist stärker! Sein Friedensbund behält den längeren Atem!

Corona hat uns fest im Griff. Nichts geht mehr wie gewohnt. Wo wir hinschauen, herrscht Angst vor Ansteckung vor, die Sorge, wie lange das noch weitergeht. Der absolute Ausnahmezustand. Jetzt sind Geduld gefragt und ein langer Atem. Denn solange es kein wirksames Medikament gegen den Virus gibt, sind wir machtlos. Ausgeliefert.

Bleibt die Hoffnung, dass dieser Spuk bald zu Ende ist. Dass Gott uns bei Gesundheit erhalten und leben lassen möge nach den hinfallenden Bergen und Hügeln. Doch Halt! Wir dürfen das eine nicht vorschnell auf das andere übertragen! Kein Mensch wird ernsthaft die Katastrophe zur Zeit Jesajas, wo es um Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, um den inständigen Wunsch nach Frieden geht und um Gottes Zorn wegen der Bosheit der Menschen, gleichsetzen mit der Bedrohung durch einen lebensgefährlichen Virus.

Trotzdem halten wir uns an die biblische Verheißung von Gottes Gnade und seinem Friedensbund. Der übrigens auch schon Noah zugesagt wurde, als die Flutkatastrophe zu Ende war: Gott will das Leben! Darum auch der Name „Arche-Noah-Post“ für die tägliche Serie auf unserer Gemeinde-Homepage (Vgl. den Beitrag am Montag, 23. März).

Im Weltgeschehen weichen so manche Berge. Und manche Hügel fallen. Als moderne Zeitgenossen beherrschen wir die Dinge richtig gut. Doch manchmal sind wir eben auch klein und machtlos. Das ist die Ambivalenz.

Berge weichen, Hügel fallen hin. Dazu passt diese letzte biblische Beobachtung, bezüglich des Wort-gebrauchs: Von Jesaja 54 aus gibt es nämlich eine sprachliche Klammer zum Ende des Kapitels 55, wo Gott durch den Prophetenmund sagt: „Ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken“ – ja, jetzt so!„sie sollen frohlocken mit Jauchzen und alle Bäume auf dem Felde sollen in die Hände klatschen.“ (Jes 55,12)

Was für eine wunderschöne Zukunftsvision, in der die erste Wirklichkeit von der neuen Wirklichkeit überholt wird! Dieselben Berge und Hügel, die eben noch einzustürzen drohten, bekommen jetzt diesen Dreh: Sie fangen an zu tanzen und zu frohlocken!

Wie verrückt ist DAS denn?! Solch eine Freude wird sein, dass nicht nur die Menschen, sondern Gottes ganze Schöpfung davon erfasst sind! Was für ein Ausblick! So steht’s in der Bibel.

Wie schön für denjenigen, dem solche Hoffnungsbilder und größere Dimensionen etwas sagen. Der sich davon angesteckt und getragen fühlt! Das wünsche ich Ihnen.   Amen.

Pfr. Andreas Smidt-Schellong, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte