An(ge)dacht am Trinitatisfest

„Der hat ja mehrere Gesichter!“ so stellen wir manchmal erstaunt oder auch erschrocken von einem Menschen fest. Gemeint ist dann, dass ein Mensch auf einmal sich ganz anders gibt und verhält, als wir ihn bisher wahrgenommen und kennengelernt haben.

Aber hat nicht jeder Mensch mehrere Gesichter? Oder ist nicht jeder von uns ganz unterschiedlich wahrzunehmen, je nach Rolle und Funktion, die wir gerade inne haben?

In der St. Johanniskirche zeigen wir gerade die Ausstellung „Was ist der Mensch?“ Etliche Selbstportraits finden sich darin, zum Beispiel zwei Radierungen von Rembrandt, der sich selbst wohl über neunzig mal gemalt oder gezeichnet hat. Jedes dieser Bilder ist anders. Immer wieder hat er sich anders gekleidet und gegeben. Und immer wieder hat er sich selbst in einer anderen Situation dargestellt. Hatte er mehr Gesichter als andere Menschen?

Bei den Selbstportraits von Karl-Ludwig Lange, viere hängen davon in der St. Johanniskirche, finden wir auf andere, abstraktere Weise, diese Suche nach den Facetten des eigenen Seins. Immer wieder neu, hat er sich gezeichnet, so dass ganze Reihen dieser „Selbst – Blindzeichnungen“ entstanden sind. Hat auch er mehr Gesichter als andere Menschen?

Beim Betrachten dieser Ausstellung frage ich mich unwillkürlich, wie es mir dabei geht. Und dann nehme ich Fotos von mir zur Hand und erforsche, da ich mich weder malen noch zeichnen kann, mit ihnen und durch sie meine unterschiedlichen Gesichter. Ja, es gibt sie, denn es gibt die unterschiedlichen Situationen. Ich wirke zum Beispiel anders, wenn ich im Talar als Pfarrer unterwegs bin, als wenn ich mit meiner Familie Strandurlaub mache. Ich wirke bei einem fröhlichen Fest anders als bei einer Trauerfeier. Ich benehme mich anders in der Geborgenheit der Liebe als unter Fremden oder gar misstrauischen Menschen. Situation und Rolle drücke ich in meiner Haltung aus und sie lassen sich in meinem Gesicht ablesen. Mal bin ich Pfarrer und mal Kunstliebhaber. Mal bin ich Amts- und mal Privatperson. Mal bin ich liebender Ehemann, mal entfernter Bekannter. Mal bin ich Vater und mal Sohn. Und dennoch bin ich immer derselbe. All diese Facetten gehören zu meinem Ich. Und meine Wesenszüge kommen in jeder Situation durch, wenn auch mal mehr und mal weniger.

Warum erzähle ich Ihnen das heute alles, wo es doch um Gott und seine Trinität gehen soll?

Nun, hat nicht auch Gott mehrere Gesichter? Können wir den anfangs zitierten Ausruf nicht auch auf Gott anwenden: „Der hat ja mehrere Gesichter!“

Gemeint sind jetzt natürlich nicht die sehr unterschiedlichen gemalten und gezeichneten Kunstwerke, die Gott über die Jahrhunderte der Kunstgeschichte hinweg immer neu zeigen. Da keiner Gott je gesehen und er nie einem Künstler Modell gesessen hat, sind diese Bilder keine Portraits im eigentlichen Sinne.

Aber diese Werke der Kunstgeschichte zeigen Gott, den Vater. Dargestellt wird er als älterer Herr, oft mit langem Bart. Er ist es, der Himmel und Erde gemacht hat und erhält. Man sieht ihn bei der Schöpfung und im Garten Eden. Man sieht ihn auf den Illustrationen der Erzählungen des Alten Testamentes. Dies ist ein Gesicht Gottes: Der allmächtiger Schöpfer des Himmels und der Erde.

Andere Werke der Kunstgeschichte zeigen Gott, den Sohn. Jesus wird als oft jüngerer Mann dargestellt. Und selbst wenn wir ihn nicht an seinem Äußeren erkennen, dann doch an der dargestellten Situation. Er ist das Kind in der Krippe. Er ist es, der predigt und heilt und sich den Menschen ganz und gar zuwendet. Er ist es, der am Kreuz stirbt und schließlich wieder aufersteht. Auch dies ist ein Gesicht Gottes: Jesus, der die Liebe zu uns Menschen gelebt und uns erlöst hat.

Und wieder andere Werke der Kunstgeschichte zeigen Gott, den Heiligen Geist. Manchmal ist es die Taube, die vom Himmel herabschwebt, manchmal erscheint der Heilige Geist in den Feuerflammen und manchmal auch im Blasen des Windes. Auch dies ist ein Gesicht Gottes: Die Kraft, die uns glauben lässt.

Im letzten Jahr stieß ich zufällig auf eine Maske der Lengola aus dem Kongo. Sie zeigt drei Gesichter und doch nur eins. Da sind drei Nasen und drei Münder, aber nur vier Augen. Man kann jedes Gesicht für sich betrachten und doch das Ganze als ein einziges Ganzes wahrnehmen.

Sofort musste ich an die Trinität Gottes denken: Gott ist einer. Wir sehen ihn als Gott, den Vater, der Himmel und Erde gemacht hat. Wir sehen ihn als Gott, den Sohn, der die Liebe zu uns Menschen gelebt und uns erlöst hat. Und wir sehen ihn als Gott, den Heiligen Geist, der uns glauben lässt. Wir sehen Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist, der doch nur einer ist: Der barmherzige liebende Gott, der uns in seinen unterschiedlichen Gesichtern begegnet und doch nur ein Angesicht hat, das er segnend über uns leuchten lässt und auf uns hebt.

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

(4. Mose 6,24+25)

Ich wünsche Ihnen diesen Segen des dreieinigen Gottes!
Pfarrer Johannes Beer

.

Fotos:
1.  Selbstbildnisse (1639 und 1648) von Rembrandt Harmenszoon van Rijn in der Ausstellung „Was ist der Mensch?“ in der St. Johanniskirche
2.  Selbstbildnisse von Karl-Ludwig Lange in der Ausstellung „Was ist der Mensch?“ in der St. Johanniskirche
3.  Gott Vater am Taufdeckel der St. Johanniskirche
4.  Jesus beim Abendmahl auf dem Altar der St. Johanniskirche
5.  Heilige Geist im Südfenster in der St. Johanniskirche
6.  Maske der Lengola aus dem Kongo

pdf-Druckversion zum Nachlesen: An(ge)dacht am Trinitatisfest