An(ge)dacht am Sonntag Rogate, 17.5.2020

„Not lehrt beten“. Dieser Ausspruch ist mir in letzter Zeit immer wieder in den Sinn gekommen. Zu welchen Zeiten, an die ich mich erinnere, wurde so viel gebetet und so oft zum Gebet aufgerufen, wie gerade in der Krisenzeit der Corona-Pandemie? Beten ist en vogue. Das klingt schlimm, denn Beten darf doch keine Modeerscheinung sein. Sollten wir denn nicht immer beten? Warum muss erst eine Krise über uns hereinbrechen, bevor wir uns darauf besinnen, dass das Gebet uns in allen Lebenslagen helfen kann und will?

Rogate, so heißt heute der Sonntag. Rogate, betet! Wieder werden wir aufgefordert das, was uns bewegt, vor Gott zu bringen. Im ersten Brief des Paulus an Timotheus lesen wir:

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1.Tim 2,1-4)

Eine Ermahnung, eine Aufforderung zum Gebet wird uns hier mit auf den Weg gegeben. Das Erste und Wichtigste ist Beten für alle Menschen. Alle Menschen also soll ich in mein Dankgebet und in meine Fürbitten einschließen. Und gerade jetzt fallen mir neben den vertrauten Menschen, für die ich sowieso beten will, natürlich auch die Heldinnen und Helden der Krise ein: Krankenschwestern und Pfleger, Mitarbeitende in Altenheimen, Kassiererinnen und Mitarbeiter in Supermärkten. Aber natürlich fallen mir auch Politikerinnen und Politiker ein, Bürgermeister, Bundeskanzlerin, Ministerpräsidenten. Sie alle haben gerade in letzter Zeit eine besondere Macht über mein bisher so selbstbestimmtes Leben bekommen und ich kann nur beten, dass sie ihre Entscheidungen zum Wohl der Menschen fällen. Ich kann nur beten, dass sie kluge und menschenfreundliche Ideen haben.

Nicht umsonst wird im 1. Timotheusbrief gerade auch die Obrigkeit erwähnt, denn es ist ja sehr entscheidend, von wem und wie ich regiert werden, wer das Sagen hat, wessen Entscheidungen ich vertrauen soll, damit ich „ein ruhiges und stilles Leben führen kann in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“

Ehrfürchtig vor Gott und aufrichtig Menschen gegenüber zu leben, gibt ein Leben in Ruhe und Frieden, sagt der Verfasser des Briefes. Und wir spüren: Das eine bedingt das andere. Es entlastet mich sehr, wenn ich darum weiß, dass Gott der Herr der Welt ist. Es macht mich freier, wenn ich das, was mich belastet oder was ich selber nicht lösen kann, an Gott abgeben darf. Es macht mich toleranter anderen gegenüber, die ja unter derselben Misere leiden wie ich.

Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und dass alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Und das ist doch auch mein Wunsch: Allen soll es gut gehen, alle sollen Hilfe erfahren, alle sollen ihre Nöte und Sorgen loswerden und zur Ruhe kommen können und alle sollen spüren, dass sie diese Ruhe, nach der sie sich sehnen, bei Gott finden.

Friede und Ruhe in meinem Inneren, in meiner Seele, lässt mich entspannt und fröhlich leben. Die Gewissheit, dass ich ein von Gott geliebter und geretteter Mensch bin, dass ich bei Gott das Ziel meines Lebens finde, lenkt meinen Blick von dieser Welt mit all ihren Nöten hin auf Gottes Welt mit all ihrer Herrlichkeit und lässt mich dankbar sein.

Not lehrt beten: das erfahren wir gerade auf besondere Weise. Aber es sind nicht nur die Bitten, die jetzt laut werden, es ist eben auch viel Dankbarkeit zu spüren. Menschen sind bewahrt worden, Menschen haben die Kontaktsperren mit Kreativität und Mut gemeistert, Menschen erkennen, was sie aneinander haben. Wir entdecken eine große Solidarität, einen großen Zusammenhalt und viel Verantwortungsbewusstsein. Und ich entdecke auch, dass das nicht mit mir selbst zu tun hat, sondern dass Gott da ist mit seiner Liebe, die meinen Alltag heller macht.

Natürlich, es gibt auch die anderen, die, die immer meckern, die egoistisch immer das Beste für sich herausholen wollen, die Rücksichtslosen, die Besserwisser, Ignoranten und Intoleranten. Gut ist es, sie in meine Fürbitten einzuschließen, denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es mir auch gut.

So entdecken wir im Gebet Kraftquellen, die unseren Blick weiten und uns zum Leben helfen. Im Gebet bin ich Gott ganz nah und darum bete ich:

Behüte, Herr, die ich dir anbefehle, die mir verbunden sind und mir verwandt. Erhalte sie gesund an Leib und Seele und führe sie an deiner guten Hand.
Sie alle, die mir ihr Vertrauen schenken und die mir so viel Gutes schon getan, in Liebe will ich dankbar an sie denken, o Herr, nimm dich in Güte ihrer an.
Um manchen Menschen mache ich mir Sorgen und möcht ihm helfen, doch ich kann es nicht. Ich wünschte nur, er wär bei dir geborgen und fände aus dem Dunkel in dein Licht.

Du ließest mir so viele schon begegnen, so lang ich lebe, seit ich denken kann. Ich bitte dich, du wollest alle segnen, sei mir und ihnen immer zugetan. Amen.
(Gebet von Lothar Zenetti, zitiert aus dem Liederbuch „Zwischen Himmel und Erde“ 75)

Einen gesegneten Sonntag

Ihre Pfarrerin Annette Beer