An(ge)dacht am Sonntag nach Weihnachten (27.12.2020)

Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.
(Jesaja 8,23)

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.
(Jesaja 9,1.2a.5.6)

Während ich diese Andacht schreibe, erwarten wir Weihnachten noch. Die Nachricht, dass alle Gottesdienste in den Kirchen ausfallen, ist noch frisch und beschäftigt mich sehr. Ich bin hin- und hergerissen zwischen „Endlich ist Klarheit“, „Es ist bestimmt das Beste“ und „Das ist ja unmöglich. Weihnachten ohne Gottesdienste geht doch gar nicht!“

Wenn Sie diese Andacht lesen, dann haben wir die Weihnachtstage schon hinter uns und wir mussten tatsächlich auf die Gottesdienste mit guter Musik und gedankenvollen Predigten in einer der schönen Kirchen Herfords verzichten. Wie sich das wirklich anfühlt, kann ich noch nicht sagen. Im Augenblick liegen die Nerven blank, ich bin ärgerlich und traurig. Ich sehne mich nach Licht am Ende des Tunnels, nach einem Ende aller Beschränkungen und Unannehmlichkeiten. Wie sehr wünsche ich mir, dass alles gut wird. „Wann ist endlich ein Ende der Krise in Sicht, wann endlich ist alles wieder gut“, so seufze ich. Noch will sich der Weihnachtsglanz, der helle Schein, der alle Dunkelheiten erhellt, nicht in mein Herz senken.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, so haben wir es gerade gehört. Es wird hell über denen, die in Dunkelheit leben. Menschen werden frei von allem, was sie beschwert, sie schöpfen neue Hoffnung. Hell und klar wird es, das Leben wird leicht. Alles wird gut.

Das ist eine wunderbare Verheißung, die der Prophet Jesaja in Gottes Auftrag verkündet. Der Prophet spricht zum Volk Israel. Für die Israeliten soll endlich alles gut werden. Ihre Knechtschaft soll ein Ende haben, sie dürfen Hoffnung schöpfen und darauf vertrauen, dass Gott alles gut macht.

Gilt diese Verheißung auch uns? Wird auch für uns alles gut? Ich sehe Finsternis und erlebe Trostlosigkeit. So sehr sehne ich mich nach Normalität.

Der Prophet Jesaja verkündet, was Gott vorhat. Er verheißt eine neue Zeit, und diese Zeit beginnt mit der Geburt eines Kindes: Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende.

Die Geburt dieses einen Kindes verändert die Welt und lässt alles gut werden. Wir haben wieder die Geburt dieses Kindes, mit dem alles gut wird, gefeiert. Alle Jahre wieder bestaunen wir das Kind in der Krippe. Ein kleiner, hilfloser Jesus liegt da. Geht es wirklich um dieses Kind? Es werden so wunderbare Dinge von dem Kind gesagt. Aber wie es da in der Krippe liegt, unterscheidet es sich nicht von anderen Neugeborenen dieser Welt. Doch trotzdem glauben wir, dass es das Kind ist, das uns schon durch den Propheten angekündigt wurde. Wir glauben, dass mit diesem Kind Gott selbst zu uns auf die Erde gekommen ist. Denn all das Besondere, das von diesem Kind gesagt ist, hat sich in Jesus erfüllt: Mit seinem Kommen brach eine neue Zeit an. Mit seinem Leben, seinem Sterben, seinem Tod und seiner Auferstehung wurde erfüllt, was angekündigt war. Er brachte Frieden zu den Menschen, einen besonderen Frieden, der sich in den Herzen der Menschen ausbreitet und von dort zu allen Menschen gelangen kann. Für diese Menschen ist es heller, denn sie erleben, was es heißt, dass Gott da ist, ganz nah, ohne Kontaktbeschränkung. Sie fühlen die Verbundenheit zu Gott und das macht ihr Inneres hell und warm.

In dem kleinen Kind in der Krippe nimmt Gott selbst Kontakt zu uns Menschen auf. Mit dem Kind kommt Licht in meine Dunkelheit und eine stille Freude, und ich darf abwerfen, was mich belastet. Und wieder spüre ich Sehnsucht danach, dass alles gut wird und ich weiß, mit diesem Kind wird es gelingen, denn es hat Macht, Dinge zu ändern und eine gute Zukunft zu schenken.

Die geheimnisvollen und ausgefallenen Namen, die diesem Kind gegeben sind, sind Ehrennamen, die ausdrücken, was dieses Kind kann und was es ausmacht: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Und sozusagen als Krönung wird versprochen, dass seine Friedensherrschaft niemals enden wird.

Gott selbst kommt in dem Kind, um das Leben der Menschen zu leben, ihren Tod zu sterben, um sie in allen Höhen und Tiefen des Lebens zu begleiten mit seinem Rat, als der, der sich kümmert, als liebevoller und verständnisvoller Vater, als der, der Frieden bringt, der Menschen ein Ziel gibt und ein Ende, an dem alles gut ist.

Ich sehne mich nach dem wunderbaren Ratgeber, dem starken Gott, dem ewigen Vater und Friedensfürsten, denn, wenn er wirkt, dann verschwindet die Dunkelheit. All das, was mich herausfordert, was mich wütend und ärgerlich macht, was mir das Leben verdrießen will, wird relativiert, wird geschwächt, seiner Macht enthoben. Dann sehe ich großes Licht, befreiende Helligkeit und sage:Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Ein Kind ist mir geboren, das mich jubeln lässt. Es macht mich innerlich frei. Es macht mich gelassen, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Das Kind schafft es, dass ich kreativ und phantasievoll werde, so dass ich Dinge ändern kann. Dieses Kind schafft es, dass ich merke, dass ich geliebt bin und dass sein Friede so viel größer und wertvoller ist als aller weltliche Frieden.

Das Kind ist mir schon lange geboren, ich muss es nur in mein Herz lassen, um den Weihnachtsglanz zu spüren. Wenn es in meinem Herzen seinen Platz gefunden hat, dann wird alles gut, denn es wird nicht dunkel bleiben, sondern meine Angst und Pein bescheinen.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell: Das habe ich dem Kind zu verdanken. Ich kann die Helligkeit am Ende der großen Dunkelheit bereits ahnen. Darum kann ich Ärger, Unsicherheit, Ängste und Wut aushalten, denn ich weiß ja: Es wird nicht immer so weitergehen. Gott greift ein und macht es in mir und um mich herum hell. Die Krise wird ein Ende haben.

Zu allen Zeiten mussten Menschen Krisen aushalten, lebten am äußersten Limit, sahen nur Finsternis und haben es doch geschafft. Sie sahen Licht am Ende des Tunnels und konnten hoffnungsvoll diesem Licht entgegen gehen.

Ich bin sicher, ich darf erfahren, dass ein besonderes Licht über mir scheint und dass mit diesem Kind alles gut wird. Amen.

Dies ist die Nacht, da mir erschienen
des großen Gottes Freundlichkeit;
das Kind, dem alle Engel dienen,
bringt Licht in meine Dunkelheit,
und dieses Welt- und Himmelslicht
weicht hunderttausend Sonnen nicht.

Lass dich erleuchten, meine Seele,
versäume nicht den Gnadenschein;
der Glanz in dieser kleinen Höhle
streckt sich in alle Welt hinein;
er treibet weg der Höllen Macht,
der Sünden und des Kreuzes Nacht.

Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.

EG 40,1+2+5.