An(ge)dacht am Sonntag Kantate, dem 10.5.2020

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“

In unserer Kirchengemeinde wird am heutigen Sonntag Kantate der erste Sonntagsgottesdienst mit Gemeindebeteiligung seit dem 8. März gefeiert: Das Kantatefest, das seit sehr langer Zeit eine große Bedeutung hat. Dies ist doch wohl ein Grund, Gott zu loben und in den Psalm des Sonntags einzustimmen: „Singet dem Herrn ein neues Lied!“.

Gut, es gab sehr gute Radio- und Fernsehgottesdienste. Es gab so manchen gestreamten Gottesdienst im Internet und viele Andachten in jeglicher Form im weltweiten Netz. Die Gebetsrufe, das Hören auf Gottes Wort und der Jubel in der Anbetung ist nie verstummt. Das Musizieren in den Gärten und von den Balkonen hat den Osterjubel neu in die Welt getragen. Die ungewohnten Bedingungen der Corona-Pandemie hat für viel Kreativität gesorgt, so dass das Lob Gottes auch in schwieriger Zeit erklingen konnte.

Heute aber also das Kantatefest, endlich wieder gemeinsamer Gottesdienst, auch wenn Sie dies zuhause lesen, beziehungsweise hören.

Und doch ist auch in der Kirche alles so anders. Wann hatten wir jemals zuvor bei einem Gottesdienst Einlasskontrollen an den Türen? Zwischen den Gemeindegliedern muss immer der nötige Mindestabstand sein. Um Tröpfcheninfektionen zu vermeiden, müssen alle Mund-Nasen-Masken auf haben. Nur so recht singen kann man damit nicht, sollen wir ja auch gar nicht, da durch den erhöhten Druck beim Singen sich das Tröpfcheninfektionsrisiko vermehrfacht. Also ein Jauchzen und Loben am Sonntag Kantate ohne Gesang? Ein durch Mund-Nasen-Masken gedämpftes Loben?

Erhardt Klonk: König David, 1953, Westfenster im südlichen Seitenschiff der Herforder Münsterkirche

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.
Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
Der HERR lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
Jauchzet dem HERRN, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!
Lobet den HERRN mit Harfen,
mit Harfen und mit Saitenspiel!
Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König!
Das Meer brause und was darinnen ist,
der Erdkreis und die darauf wohnen.
Die Ströme sollen in die Hände klatschen,
und alle Berge seien fröhlich vor dem HERRN;
denn er kommt, das Erdreich zu richten.
Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit
und die Völker, wie es recht ist.“ (Psalm 98)

Angesichts unserer grade bedachten Situation vergeht uns all zu oft das Jubeln und Loben und Singen. Und wir ahnen, dass das in absehbarer Zeit kaum anders wird. Die Sorgen um die Gesundheit und so manche wirtschaftlichen Folgen sind wirklich groß. Das Coronavirus ist äußerst virulent und Infektionsketten müssen, um Menschenleben zu retten, vermieden werden. Deshalb bleiben auf längere Sicht Kontaktvermeidungen notwendig (im wahrsten Sinne des Wortes). Erst durch einen Impfstoff wird das anders werden, aber noch ist nicht wirklich absehbar, wann es den geben wird.

Und dabei ist die Corona-Pandemie mit ihren Risiken für Gesundheit, Leben und Wirtschaft ja nicht das einzige, was uns bedrückt. All die anderen Probleme, die es vorher gab, gibt es jetzt ja auch noch: Verfolgungen und Gewaltherrschaft, Morden und Unterdrückung scheint es kein Ende zu nehmen. Terror und Bedrohung nehmen zu.

Also erstickt unser Jauchzen und Jubeln bei diesen Überlegungen und wandelt sich das neue Lied zur erneuerten Klage?

Haben wir dennoch Grund, in diesen Psalm einzustimmen? Haben wir dennoch Grund, in diesen Zeiten, die uns alle belasten, Gott in jeder Weise zu loben?

Was auch in unserem Leben geschehen mag, Gott ist bei uns. Da ist sich der Psalmbetende sicher. Er weiß von all dem, was Menschen bedrücken und gefährden kann. Und ich bin der festen Überzeugung, dass das Leben des Psalmisten sich nicht wesentlich von unserem Leben unterschieden hat. Er hat genau wie wir heute bewegende und erschütternde Erlebnisse. Wie bei uns gab es auch Sorgen.

Aber er wendet seinen Blick von den Sorgen weg auf Gott hin. Und dann nimmt er Gottes Gnade und Treue wahr. Er wird sich an so viele Erzählungen erinnert haben, in denen von Gottes Gnade und Treue berichtet wird: Vom Auszug aus Ägypten und den Durchzug durchs Rote Meer zum Beispiel. Und wir können durch Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen ja noch ein ganz besonderes Beispiel von Gottes Gnade und Treue zu uns Menschen hinzufügen. Er ist gekommen, um an unserer Seite zu sein. Und er wird eines Tages kommen, damit wir ganz bei ihm sind.

Daran zuversichtlich zu glauben, lässt uns jauchzen und jubeln, ja, selbst in diesen Tagen. Wir singen Gott im Inneren ein Loblied und sind dankbar, dass er uns schützt und Großes an uns tut. Wir sind dankbar, dass uns Gott begleitet und wir uns ihm anvertrauen können. Wir loben ihn, weil wir alles, was uns bedrängt, vor ihn bringen dürfen.

Ich weiß nicht, was diese Corona-Pandemie uns noch alles für Einschränkungen und Veränderungen bringt. Die Sorgen um Gesundheit und Leben und so manche wirtschaftlichen Folgen sind wirklich groß. Aber ich weiß, dass wir mit allem bei Gott geborgen sein können. Ich jubele, dass er sich auf unser Gebet hin auch dieser Sorgen und Ängste annimmt. Ich jauchze, dass er weiß, was ich nicht weiß: Eine Lösung für all unsere Probleme. Ich singe, weil er kommt und bei uns ist.

Wir können jubeln über die Liebe Gottes. Wir können jauchzen, dass Gott uns begleitet. Wir sind froh und dankbar, dass wir von Gott behütet werden. Das lässt uns einzeln zwar und doch in diesem Glauben verbunden immer wieder ein neues Lied singen, ein Loblied auf Gottes Gnade und Treue!

Pfr. Johannes Beer