An(ge)dacht am Sonntag Jubilate (3.5.2020)

Von und mit Pfr. Andreas Smidt-Schellong, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte, im Herforder Münster

Liebe Gemeinde,

kürzlich gab es in der Fernsehsendung Panorama einen interessanten Beitrag über Auswirkungen der Coronakrise. (Donnerstag 23.4.2020, ARD)

„Die Krise konfrontiert viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben mit einer echten Angst um das eigene Leben und um das der Nächsten“ wurde festgestellt. „Erstmals erfahren wir, wie radikal die Welt sich verlangsamt“ und unseren Lebensstil in Frage stellt.

Jeder ist gefährdet – und jeder ist eine Gefahr! Wir versuchen der Gefahr auszuweichen, indem wir andere Menschen meiden. Diese physische Distanzierung sei ein typischer Anpassungsprozess in Bedrohungsszenarien: Händeschütteln, Umarmungen, körperliche Nähe gehören zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Doch plötzlich sind sie nicht mehr erlaubt oder nur sehr eingeschränkt möglich. Jeder und jede ist vielleicht Träger des Virus. Auch der eigene Vater oder die Großmutter, auch der Nachbar und die Arbeitskollegin.

Das ist der Unterschied: Bei anderen Katastrophen – bei Terroranschlägen, Seuchen, Naturkatastrophen wie der Tsunami 2004 – fehlte oftmals die persönliche Betroffenheit, weil das alles weit weg war. Es gab Distanzen. Doch Corona rückt überall nahe, trifft uns unmittelbar. Das Virus kriecht potenziell in die eigene Wohnung. Die Welt, die wir so sicher zu beherrschen meinen, gerät außer Kontrolle. Das ist bedrohlich, das schafft Verunsicherung und macht Angst, weil wir damit keine Erfahrung haben.

Als Fazit wurde festgehalten: Wir müssen jetzt extrem aufmerksam und vorsichtig und bitte nicht leichtsinnig sein. Und: Wir sollten auch besonders auf die Menschen anderswo schauen, deren Leben genauso gefährdet ist wie unser eigenes. „Denn das unsichtbare Virus macht vieles, was schon lange nicht in Ordnung war, wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar. Etwa soziale Ungleichheit – der größte Unsicherheitsfaktor überhaupt.“ Es gibt eine globale Asymmetrie zwischen dem Norden und Süden in der Welt, zwischen Armen und Reichen. Das Coronavirus möge die Menschen zur Vernunft bringen, zum Innehalten, um die gewohnte Asymmetrie zu unterbrechen und neu zu definieren! Denn als Menschen sind wir alle gleich. Hier wie dort.

Mit diesem aktuellen Gedankenhintergrund aus der Panorama-Sendung nehme ich Sie jetzt mit ins 6. Jh. v. Chr. zum Propheten Amos. Auch bei Amos gab es eine schwere Krise. Keine durch Pandemie verursachte, sondern eine soziale. Heftig kritisiert Amos die Missstände in seiner Zeit: Er klagt die Drahtzieher und Verantwortlichen an, die wenigen Gewinner gegenüber den zahllosen Verlierern. Er verurteilt den Virus des Egoismus, den Virus der Korruption, den Virus der Ungerechtigkeit und die Machenschaften, von denen sein Land verseucht war. Ja, sogar die Priester im Tempel verschont er nicht: Er entlarvt sie als Kollaborateure mit dem Ausbeutungs- und Herrschaftssystem der weltlichen Macht und nennt ihre Gottesdienste geheuchelt und falsch. Leidenschaftlich predigt er Umkehr und dass die Asymmetrie zwischen oben und unten, zwischen Armen und Reichen endlich überwunden wird. Um der Opfer und Benachteiligten willen.

Amos beendet seine Anklage mit einer wunderbaren Vision: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ (5,24)

Auch wenn die Umstände völlig verschieden sind – die Parallele ist trotzdem deutlich: Wie schon einst Amos erleben auch wir heute eine Krise.

Krise kommt von dem griechischen Wort Krisis und bedeutet Entscheidung. So gesehen mag die Amosvision eine Anleitung für uns sein, eine Lernhilfe. In der Krise stehen wir jetzt nämlich vor der Entscheidung: Wollen wir so weiterleben wie bisher? Wollen wir möglichst schnell zur Normalität zurückkehren, zum „business as usual“ und dass alles beim Alten bleibt? Oder lassen wir die Krise an uns heran, nehmen wir sie als Fingerzeig, als Gelegenheit zum Innehalten im eben erwähnten Sinne; stellen wir uns verantwortlich den vielen ungelösten Problemen, die heute auf der globalen Tagesordnung stehen; nutzen wir die Krise zum Umdenken und für dringend nötige Verhaltensänderungen, als Möglichkeit der Neuorientierung, um dem Leben einen anderen Sinn zu geben, mit Spielraum für andere Werte?

Jetzt ist die Zeit sich zu entscheiden.

Erfreulicherweise erlebe ich in diesen Wochen eine Menge Geduld in der Öffentlichkeit: Beim Schlangestehen ohne Meckern, beim Beachten der Regeln, beim Akzeptieren der Langsamkeit. Ebenso merke ich viel Freundlichkeit, Wohlwollen und eine enorme Hilfsbereitschaft: Bei der ehrenamtlichen Verteilung von Essen, beim Posaunenchor-Ständchen vor dem Seniorenheim. Oder auch, dass Regierungen sich erstaunlich schnell einig sind und unbürokratisch Millionen- und Milliardenbeträge als Hilfe zur Verfügung stellen. Große Klasse! Hoffen wir, dass sich manche Bittsteller und Nutznießer nicht unrechtmäßig bereichern an den Hilfsmaßnahmen. Denn solche negativen Begleiterscheinungen der Krise kommen leider auch zum Vorschein in diesen Tagen: in Form von unsozialen bis kriminellen Verhaltensweisen. Die Pandemie „ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit“ sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Fernsehansprache am 11. April. „Sie ruft das Schlechteste und das Beste in den Menschen hervor.“

Unter dem Strich sehen wir: Die Krise bewirkt etwas. Sie bringt Gutes hervor. Menschen kommen sich nahe, trotz auferlegter Distanz. Alle sind wir gleichermaßen betroffen und unterschiedslos aufeinander angewiesen.

Wenn diese Haltung zur neuen Normalität wird, dann folgte aus der Krise eine gute Entscheidung!

Diese Haltung kommt der Amosvision nämlich sehr nahe: „Recht“ – auf Leben für alle! – „ströme wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“ Auf dass überall in der Welt ein gutes, solidarisches Miteinander gedeihe und blühe, gerade auch mit den Menschen in prekärer Lebenssituation, in den bedrohten Teilen der Erde!

Möge sich diese Achtung vor dem Leben ausbreiten wie Wasser! Und möge sie auch beim Umgang mit unserer Umwelt und dem Klima als neuer Maßstab erkennbar werden und sich durchsetzen! So wie bisher geht es nicht weiter. Wir sollen die Erde doch bebauen und bewahren anstatt sie zu zerstören!

Solche Achtung vor dem Leben wäre ein Grund zum Jubeln!

Das bringt mich zum Schluss auf den Wochenpsalm für diesen Sonntag Jubilate. Die Verse aus Psalm 66, als Aufforderung und als Wunsch für diese Zeit:

„Jubelt und jauchzet Gott, alle Lande! Sprecht zu ihm: Wie wunderbar sind deine Werke! Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern. Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen, der unsere Seelen am Leben erhält und unsere Füße nicht gleiten lässt.“ (Ps 66,1-3.5.8-9)

Amen.