An(ge)dacht am Sonntag den (24.5.2020)

von Pfr. Dr. Olaf Reinmuth, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte

Maskierte Gemeinschaft

Wer gerne in Gottesdienste geht, kann seit zwei Wochen eine ganz spezielle Erfahrung machen. Gottesdienste besuchen geht wieder. Aber alles unter den Sicherheitsbestimmungen eines Hygienekonzeptes. Abstand muss gewahrt werden, mindestens eineinhalb, besser noch zwei Meter. Vor allem aber müssen die Mund-Gesichts-Masken aufgesetzt bleiben während der halben oder dreiviertel Stunde, die ein Gottesdienst dauert. Singen ist auch verboten.

Leute erkennen, bereitet mir keine große Schwierigkeit. Das geht meist auf einen Schlag. Aber die Mimik entziffern! Ich muss das Lächeln in den Augen wahrnehmen und kann mir dann die Bewegung im Gesicht vorstellen, die dazu gehört. Spöttisches Mundkräuseln, nicht zu erkennen, genau so wenig wie zusammengekniffene Lippen. Ich merke, was alles zu einer richtigen Begegnung dazu gehört. Ein Mensch ist weit mehr als ein Ding, das in der Gegend herumsteht. Überall Bewegung, willentlich oder nicht, im Gesicht, am ganzen Körper. Überall Ausdruck und ein Verlangen dem anderen etwas mitzuteilen oder zu verbergen. Überall etwas zu sehen und zu entschlüsseln. Wenn die Maske im Gesicht sitzt und mir die Brille ständig beschlägt, bleibt viel auf der Strecke.

Die Maske schottet mich ab. Das ist ihr Sinn. Sie schützt damit mindestens die anderen. Darüber kann ich mich eigentlich nicht beklagen. Wenn ich nur auf meinem Platz sitze und in meine Maske atme, bis sie feucht wird, bleibt alles ziemlich weit weg. Die anderen in ihrem Sicherheitsabstand sowieso, aber auch die Worte, die gesprochen werden. Die Musik dringt durch, aber selber singen darf ich nicht. Ich bleibe für mich. Maskierte Gemeinschaft.

Dennoch freut es mich. Ich bin mit anderen zusammen. Ich treffe Menschen, die ich schon lange kenne. Ich bekomme Zuspruch, den ich brauche. Ich kann ein Schwätzchen halten am Rand der Gottesdienste, vorher und nachher.  Die Leute lassen sich selber was einfallen. Sie überwinden den weiten Abstand, indem sie durch ihre Masken besonders laut reden. Sie rudern mit den Armen. Sie gehen mehr aufeinander zu als sonst. Im Gottesdienst lassen sie sich mitnehmen und sprechen den Psalm oder das VATER UNSER besonders laut mit, so dass ein Zusammenklang in der Kirche entsteht. Sie freuen sich, wenn sie summen können. Sie akzeptieren es, wenn andere stellvertretend die Liturgie singen. Selber lege ich mehr Kraft in die Worte, versuche sie stärker rauszubringen, den Abstand aktiver zu überwinden als sonst.

Alles besser als zu Hause isoliert sein. Mit den Einschränkungen kann man sich arrangieren. Nicht singen können und mit der Maske da sitzen müssen, das ist blöd. Aber der Freiraum ist einfach schön. Sich wieder treffen, wieder gemeinsam sich zu Gott bekennen. Das geht durch die Masken hindurch. So schlecht ist das gar nicht. Hauptsache wir spüren, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Das gibt Kraft.

Gott befohlen.

Herzliche Grüße – Olaf Reinmuth