An(ge)dacht am Pfingstsonntag, den 31.5.2020

von Pfarrerin Dr. Gabi Kern, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte

Liebe Gemeinde,

„als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander“, so lesen wir zu Beginn der Pfingstwunder-Erzählung in Apostelgeschichte 2. Und wir wissen: Dieser Ort ist klein und eng – ein Haus bzw. das Obergemach eines Hauses (vgl. Apg 1,13). Irgendwie fühle ich mich mittendrin, wenn ich das lese, die Szenerie wird zu einem Sinnbild meiner eigenen Situation, meines eigenen Lebens. Auch mein Leben spielt sich inmitten eines begrenzten Rahmens ab. Oben, unten, links, rechts. Leben wird durch Routinen bestimmt. Das, was ich immer schon gedacht und gemacht habe, wird fortgesetzt. Mein Leben wird begrenzt durch den Horizont meiner Einstellungen und Gefühle, meiner Ansichten und meines Wissens. Was über diesen begrenzten Rahmen hinausgeht, wird ausgeblendet.

Wie sehr uns festgefügte Vorstellungen festhalten und einengen und wie schwer es ist, sie zu überschreiten, mag das folgende kleine Denkspiel aus dem Bereich des praktischen Problemlösens in der Denkpsychologie verdeutlichen: 9 Punkte eines Quadrates sollen durch 4 gerade Linien miteinander verbunden werden, ohne dabei den Stift abzusetzen:

Die Aufgabe scheint zunächst nicht lösbar zu sein; man braucht immer 5 Verbindungslinien. Denn wie selbstverständlich sucht man die Lösungsmöglichkeiten innerhalb der (selbstgesetzten) Grenzen des Quadrats. Erst wenn man die Freiheit gewinnt, über diese Grenze hinauszudenken, wird das Unmögliche möglich (s. mögliche Lösung unten).

Automatisch trage ich die Vermutungen über die Stimmung der Jünger kurz vor der Ausgießung des Heiligen Geistes in diese Aufgabenstellung ein: begrenzt durch die vier Wände des Hauses, in das sie sich zurückgezogen hatten, äußerlich, aber im übertragenen Sinn auch innerlich verbarrikadiert, so dass sie nicht über ihre Denkgewohnheiten hinausgehen konnten. Das ist die Ausgangslage von Pfingsten.

Nicht, dass ich Routinen für etwas Schlechtes halten würde, das nicht. Aber an Pfingsten geht es um die Frage, wie etwas Neues in unser Leben hineinkommen kann, das sich nicht einfach aus dem ergibt, was immer schon da war. Wir brauchen zwar den Rahmen von Denkvorstellungen und Traditionen. Er ist wie eine Fassung, die unsere Welt zusammenhält. Aber solche „Fassungen“ können zum Gefängnis werden. Deshalb müssen wir manchmal „fassungs-los“ werden, damit wir Neues in den Blick nehmen können und neues Leben möglich wird.

Biblisch gesehen ist die Lösung ganz klar: Das Neue kommt von außen, gewissermaßen von außerhalb der vier Seiten unseres Denkgebäudes – frei wie ein Vogel, kraftvoll wie Feuer. Das muss wohl sein, damit sich etwas verändert, bei mir, in der Gemeinde, in der Kirche. Und das, was mir bis dahin unmöglich schien, wirkt der Geist: Der Geist Gottes vernetzt und schafft Verbindungen, wo ich keine mehr sah. Der beschränkte Horizont eines jeden, einer jeden, wird aufgesprengt und ich entdecke mich eingebunden in diesen dadurch neu entstehenden Raum. An Pfingsten sind wir eingeladen, über die Grenzen des Gewohnten hinauszudenken und einen Blick zu bekommen für den kommenden, grenzenlosen Gott, für die noch nicht erschienenen Möglichkeiten Gottes: in unserem Leben, im Leben der Kirche, in unserer Welt. Und wir spüren: Aus der anfänglichen Enge entsteht neue Weite, wie es der Apostel Paulus beschreibt: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17).

Diese Erfahrung von Freiheit wünsche ich Ihnen – und uns allen.
Bleiben Sie behütet!

Ihre

Pfrn. Gabi Kern

Eine mögliche Lösung