An(ge)dacht am Pfingstmontag, den 1.6.2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong, Ev. Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte

Liebe Gemeinde!
Verständigung ist möglich! So heißt die biblische Botschaft von Pfingsten. Wie es durch Gottes Geist trotz aller Unterschiede zwischen den Menschen dazu kommt, steht im 2. Kapitel der Apostelgeschichte:
„Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beisammen. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Tosen wie von einem Wind, der heftig daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sich aufhielten. Es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich zerteilten, und auf jede und jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Da wurden sie alle von heiliger Geistkraft erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden; wie die Geistkraft es ihnen eingab, redeten sie frei heraus.“ (Apg 2,1-4 ; BigS)
Und dann folgt die lange Reihe der Länder und Regionen, aus denen sie herkommen. Sprachliche Grenzen gibt es nicht mehr, so dass sie verunsichert fragen: „Was soll nur daraus werden?“
Nach einer Weile des Erschreckens und Zweifelns sind die Menschen in der Pfingstgeschichte begeistert.
Es macht neugierig, wie es wohl weitergeht. Denn wir kennen auch das Gegenteil: Menschen meiden den Kontakt, haben sich nichts mehr zu sagen, Sprache geht verloren. Weil es Enttäuschungen oder Verletzungen gab. Weil die Lebensumstände und Gewohnheiten zu weit auseinander geraten. Weil die Unterschiede so groß werden, dass sie kaum mehr kommunizierbar sind. Letzten Dienstag wurde die Kriminalitätsstatistik in Deutschland für 2019 veröffentlicht. Sie enthält die traurige Bilanz, dass politisch motivierte Kriminalität stark zugenommen hat. Straftaten von Rechts gegen Juden und jüdische Einrichtungen z.B. sind gegenüber dem Vorjahr um 13 Prozent angestiegen. Erschreckend!
Die Pfingstgeschichte setzt dem etwas entgegen. „Sie waren alle beieinander“ wird dort erzählt. Alle bringen ihre jeweilige Sprache mit. Alle haben ihre Eigenheiten, ihre unterschiedlichen Lebensweisen, ihre verschiedenen Interessen und bestimmt auch ihre Macken. Mit lauter Gegensätzen sind sie an diesem einen Ort. Es gäbe so viele Gründe, sich nicht zu verstehen. Doch plötzlich geschieht das Wunder, dieses „Brausen wie von einem gewaltigen Wind“, der das ganze Haus erfüllt, in dem sie sind.
Die Pfingstgeschichte ist eine Hoffnungsgeschichte: Durch den Heiligen Geist kommt Bewegung ins Spiel. Sie sind miteinander und gehen aufeinander zu. Durch den Heiligen Geist interessieren sie sich für die persönlichen ‚Vokabeln und Grammatik‘ ihres Gegenübers. Sie bekommen ein weites Herz für die vielfältigen Arten sich auszudrücken anstatt nur zu sehen, was an dem anderen anders ist oder störend und fremd. Sie lassen sich in ihren jeweiligen Gaben und Möglichkeiten gewähren anstatt aufeinander herabzusehen oder sich mit ‚richtig‘ oder ‚falsch‘, ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ zu etikettieren.
Das Wirken des Geistes macht mich sensibel für die Belange der Mitmenschen. Ich kann etwas Positives damit anfangen, wenn jemand anders ist als ich, und werde dadurch sogar noch bereichert. Wo Sprache verloren ging, da fallen mir Worte ein, mit denen ich andere in ihrer jeweiligen Art respektiere. Der erste Schritt aufeinander zu ist möglich ohne die Würde oder seinen Stolz zu verlieren.
Liebe Gemeinde, Pfingsten bedeutet nicht, dass der Heilige Geist mit einem Windstoß alle Unterschiede glatt bügelt. Sondern: Unterschiede dürfen bestehen bleiben und sind nicht trennend. Vor Gott darf sich jeder und jede in seiner und ihrer Sprache auf individuelle Weise ausdrücken. Vor Gott behält jeder Mensch sein eigenes Gesicht.
Überall da, wo Verständigung gesucht wird, wo man sich zuhört und ausreden lässt, wo man tolerant und offen ist, da ist Gottes Geist spürbar, da haben wir ein Auge für seine großen Taten.
Der Apostel Paulus bringt dies auf eine kurze Formel: „Gott ist der Geist. Und wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit.“ (2. Korinther 3,17)
Diese Freiheit wünsche ich Ihnen und uns als Gemeinde!
Ihr Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Link zum Pfingstfenster von Alfred Manessier in der Unser Lieben Frauen Kirche, Bremen (1966):

https://www.kirche-bremen.de/gemeinden/31_unser_lieben_frauen/kirchengeschichte_manessier_fenster.php