An(ge)dacht am Letzten Sonntag im Kirchenjahr: Totensonntag / Ewigkeitssonntag, den 22.11.2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong.

Liebe Gemeinde!
An diesem Wochenende kommen viele Menschen in die Kirche, die einen Menschen verloren haben, der ihnen lieb und wichtig war. Sie kommen mit dem Wunsch in die Kirche sich noch einmal zu erinnern, noch einmal Abschied zunehmen, sich noch einmal nahe zu sein im Leuchten der angezündeten Kerzen für die Verstorbenen und darin Trost zu finden.
An diesem Totensonntag oder Ewigkeitssonntag haben wir einen Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes als Predigttext. Er enthält starke Hoffnungsbilder: Der Seher Johannes erzählt seinen Traum von einer guten Zukunft, während er selbst als Gefangener auf der kleinen griechischen Insel Patmos festsitzt.
1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott, wird mit ihnen sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
6 Und er sprach zu mir: Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von dem Brunnen des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles erben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Kind sein.

Johannes sieht, was kein Auge je gesehen und kein Ohr je gehört hat. Er sieht das Ende der Zeit und zugleich den Beginn einer neuen Zeit: der ewigen Herrlichkeit. Er hat eine Vision vor Augen, die nur ein Träumender schauen kann: Einen neuen Himmel, eine neue Erde, eine Stadt ohne Tränen, ohne Schmerz, ohne Leid. Er sieht eine neue Gegenwart, die die jetzige Gegenwart ablösen wird.
Dies sind keine Hirngespinste, sondern ganz wirkliche, lebendige Bilder, die er in Worte fasst und aufschreibt.

Patmos liegt in der Ägäis. Was heute für viele Touristen zwei Wochen Urlaub und Erholung, Sonne und Meer sind auf dieser griechischen Insel, das war für Johannes damals ein Jahr lang Bedrohung, Verbannung und Vereinsamung. Im Wissen, dass seine Gemeinden in Griechenland und Kleinasien im Jahre 95 nach Christus unter grausamen Verfolgungen zu leiden hatten, in dieser bedrohlichen Enge findet Johannes die Kraft zum Ausblick, in die Weite. Er findet wunderbare Trostworte:
Gott wird abwischen alle Tränen von den Augen. Alles wird er neu machen.
Wer sich in seine Lage hineinversetzt, vermutet wohl: Im Gefängnis, an einem solchen Ort vergehen einem die Träume. Aber Johannes hat trotzdem diesen Traum. Er hält trotzdem fest an diesem Trost: Gott wird abwischen alle Tränen von den Augen. Alles wird er neu machen.
Johannes hat den Trost nicht erfunden, sondern er hat ihn gefunden.
Dadurch verschieben sich die Zeiten: Er sieht seine eigene, trostlose Gegenwart als Vergangenheit! Ein Meisterstück des Glaubens. Gott macht alles neu!

Der Trost, den Johannes an uns weitergibt, wurde ihm geschenkt. Davon bin ich überzeugt. Er hat nur genommen und in Worte gefasst, was Gott ihm gab und wozu er ihn aufforderte: „Schreibe! Denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!“ (Vers 5)
Johannes schreibt das nicht um der schönen Worte willen, sondern damit die Schönheit der neuen Wirklichkeit schon jetzt das Herz aufgehen lässt und die Traurigkeit lindert.

Das, was eben noch finster und eng war, rückt beiseite. Und das, was bloß wie eine unwirkliche Zukunftsvision war, verschiebt sich hinein in die Gegenwart: Das Ende der ersten Zeit und der Beginn der neuen Zeit, „das A und das O, der Anfang und das Ende.“
Diese Worte möge für die Angehörigen, die in diesen Tagen noch einmal zurückblicken, ein Trost sein. Sie mögen allen, die den Schmerz über einen Verlust im Herzen tragen, Halt geben.

Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! (Offb 21,5)