An(ge)dacht am Karsamstag

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Liebe Andachtgemeinde,

Karsamstag. Ein stiller Tag. Stiller als die meisten anderen Tage, auch unter normalen Umständen. Öffentliche Tanz- und Vergnügungsveranstaltungen sind nicht erlaubt. Der Tag ist gesetzlich geschützt.

Karsamstag. Ein ruhiger Tag. Für manche der letzte der Fastenzeit, ohne viel Spektakel: Zu Hause sauber machen, Eier färben, Osterlamm backen, die Wohnung dekorieren.

Karsamstag. Ein Trauertag. Seinem Wesen nach ernst und nachdenklich: Jesus ist tot. Jetzt ruht er im Grab, in das man ihn nach seiner Kreuzigung legte.

Karsamstag: Ein Dazwischen-Tag. Noch liegen Tod und Trauer über der Welt, doch dann folgt das Wunder der Auferstehung. Dann erwarten uns Freude und österlicher Jubel. Jesus lebt! Der Tod ist verschlungen in den Sieg! (1. Korinther 15,54)

Doch so weit sind wir heute noch nicht. Schnell ist man geneigt, dunkle Gedanken zu verscheuchen und die Wirklichkeit des Todes nicht so nah an sich heranzulassen. Weil das unangenehm ist. Leichter fällt es, gleich wieder zum Positiven überzugehen, auf das Gute zu schauen und das andere zu harmonisieren, sich am liebsten sofort von der Aufbruchstimmung des Ostermorgens mitreißen zu lassen. Aber der Tod bleibt trotzdem da. Auch nach Ostern. Die finsteren Mächte sind deshalb nicht aus der Welt verschwunden, sondern sie provozieren uns weiter.

Steht der Karsamstag heute vielleicht symbolisch für die unzähligen Leidgeschichten, wo Menschen in Lebensgefahr und Angst sind, oder auf der Flucht, mit einer unbekannten Zukunft; wo Menschen sich fragen, wie es weitergeht und ob es überhaupt jemals wieder Hoffnung und Zukunft für sie gibt?

Auch die Bibel ist voll von Leidgeschichten, in der Menschen die Abwesenheit Gottes beklagen. Wo gezweifelt und gerungen wird, weil die Not und die erlittenen Zustände zu schlimm sind, um sie zu ertragen. Mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Psalm 22,2 und Jesuswort am Kreuz Matthäus 27,46)

Oder Psalm 69: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“ (Verse 2-4) In unendlich vielen Bilder bringen die biblischen Erzähler ihre Erfahrung mit dem verborgenen Gott zur Sprache, ihre bittere Verzweiflung, ihr Verlassensein.

Wo bist du, Gott? So antworte doch! – Solche drängenden Fragen stehen in der Bibel ständig im Raum.

In der Theologiegeschichte gibt es eine Richtung, die die Existenz Gottes bezweifelt: Die Gott-ist-tot-Theologie. Mit heftigen Auseinandersetzungen darüber: Wenn in der Welt so schreckliche Dinge passieren, dann gibt es scheinbar keinen Gott, der das sieht und der handelt. Angesichts von Auschwitz sei der Tod Gottes für die moderne jüdische Kultur dort eingetreten. Nicht im wörtlichen Sinne, aber es sei der Zeitpunkt gekommen, an dem die Menschen auf den Gedanken kämen, dass Gott nicht existiert. So beschreibt es Rabbiner Richard L. Rubenstein aufgrund der Schockwirkung bei seiner Auseinandersetzung mit dem Holocaust, mit diesem Unbegreiflichen.

Heißt das übertragen auf den Karsamstag: Gott ist tot?? Eine schreckliche Vorstellung!

Noch einmal das Gotteswort aus dem Propheten Jesaja von neulich aus der Andacht am 29. März: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.“ (Jes 54,7) Immerhin: Auch dort der Augenblick der Gottverlassenheit, der allerdings im selben Atemzug mit seinem segnenden Handeln kontrastiert wird, mit großer Barmherzigkeit.

Oder anders: Am Ende der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und Gott ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte.“ (1. Mose 2,2) Diesen siebten Tag, den Sabbat segnet er dann ausdrücklich und heiligt ihn sogar! (Vers 3) Demnach gibt es keinen Tag in der Weltgeschichte, an dem Gott nicht da ist. Schließlich sagt ein anderer Psalmbeter von Gott: „Siehe, er schläft und schlummert nicht!“ (Psalm 121,4)

Zahlreiche Beispiele bestätigen diese Glaubensüberzeugung: Gott ist lebendig, alle Tage. Selbst wenn er uns weit entfernt und verborgen und abwesend oder nicht existent zu sein scheint.

Liebe Andachtgemeinde, Karsamstag ist eine Zumutung! Er stellt vor schwere Herausforderungen an unseren Glauben. Einerseits gibt es in der Welt so viele und von den Menschen jeweils unterschiedlich gefühlte „Karsamstage“, im übertragenen Sinne. Und andererseits gibt es die vielen guten Tage, schöne Dinge, erfüllte Zeiten, für die wir Gott danken. Verlieren wir das nicht aus den Augen!

Zum Glauben gehört beides dazu, als Paradox: Die Erfahrung mit den dunklen, abgründigen Seiten Gottes und die Erfahrung mit den hellen Seiten, mit dem offenbaren Gott.

Lassen wir uns darauf ein! So möge dieser Karsamstag Frucht bringen: beides nebeneinander stehenzulassen und zu integrieren in einer guten, lebendigen Beziehung mit Gott.

Amen.