An(ge)dacht am Karfreitag

Warum?

Liebe Gemeinde,

wie oft haben wir sie schon gehört und gelesen, jene letzten Worte Jesu am Kreuz, wie sie im Evangelium nach Matthäus überliefert sind: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46)

Eine Frage tief wie ein Abgrund. Es sind Jesu letzte Worte und zugleich doch Worte, wie sie unzählige Menschen vor und nach ihm auf den Lippen hatten. Eine Frage, die auch uns in diesen besonderen Zeiten ungewohnt nahe geht und so manchen von uns mit ungekannter Wucht trifft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum diese weltweit um sich greifende Pandemie, der wir Menschen trotz allen Fortschritts so erschreckend machtlos ausgeliefert sind? Warum zur Last des Alters nun auch noch ein Leben in Einsamkeit und Isolation? Warum die vielen plötzlichen Sorgen um unsere Zukunft, sei es im persönlichen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bereich?“ Selbst diejenigen, die nicht oder nicht mehr an Gott glauben, werden die in dieser Frage zum Ausdruck kommende existenzielle Verunsicherung teilen können: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Warum?“

Was die Frage Jesu betrifft, so war so manch einer mit einer Antwort schnell bei der Hand. Jesu Frage am Kreuz sei nichts anderes als das klägliche Eingeständnis seines Scheiterns. Er, der sein Leben lang auf Gott vertraute, habe in der Stunde seines Todes eingesehen, dass er sich geirrt habe. Am Ende seines Lebens habe selbst Jesus feststellen müssen, von Gott verlassen zu sein. Am Kreuz sterbend bekommt er keine Antwort. Der Himmel reagiert auf Jesu einsames Fragen mit Schweigen – denn da ist nichts, da ist niemand.

Würden die Worte „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ tatsächlich erst an dieser Stelle zum ersten Mal in der Bibel begegnen, so wäre es schwer, jenen Spöttern etwas entgegenzuhalten. Dem ist aber nicht so! Wer genauer hinschaut, wer genauer hinhört, erkennt in Jesu Frage ein Zitat aus den Psalmen. Es sind also nicht von Jesus frei formulierte Worte, die hier über seine Lippen kommen. In der Darstellung der Passionsgeschichte nach Matthäus zitiert Jesus vielmehr ein Wort aus der Glaubensgeschichte Israels.

Psalm 22 beginnt genauso: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.“ (Psalm 22,2) Als gläubiger Jude reiht sich Jesus damit ein in die Tradition seines Volkes, er teilt ihr Klagen und stirbt als wahrer Mensch.

Aber schauen wir noch genauer hin. Denn es bleibt ja nicht bei diesem einen Zitat. Noch an drei weiteren Stellen zuvor verweist uns der Evangelist Matthäus mit seiner Art der Darstellung der Kreuzigung Jesu zurück auf Motive, die bereits in Psalm 22 vorkommen: die Notiz des Kleiderteilens und des Loswerfens um Jesu Gewand in Mt 27,35 erinnert an Psalm 22,19; das Kopfschütteln der Leute in Mt 27,39 klingt in Psalm 22,8 an und ihr Spott, Gott möge ihm nun helfen, wenn er Gefallen an ihm habe (Mt 27,43), nimmt Worte aus Psalm 22,9 auf. Und am Ende dann jenes wörtliche Zitat vom Anfang des Psalms: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Psalm 22,2) – Was bedeutet das? Was bezweckt Matthäus mit diesen mehr oder weniger direkten Verweisen?

Die Menschen, für die der Evangelist Matthäus sein Evangelium geschrieben hat, waren mit den Traditionen des Judentums noch bestens vertraut. Und ihnen war klar: Das, was hier am Kreuz geschieht, findet seine Deutung in den Heiligen Schriften Israels. Jesu letztes Wort am Kreuz ist in ihren Ohren somit keineswegs ein letztes Wort, sondern – da es den Anfang eines Psalms zitiert – ein erstes. Während Jesus also vor den Augen der Welt am Kreuz stirbt, laufen die von ihm angestoßenen Worte des Psalmgebets vor dem inneren Auge des gläubigen Betrachters weiter. Und der weiß, wie jener Psalm endet:

„Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.
Denn des HERRN ist das Reich,
und er herrscht unter den Heiden.
Ihn allein werden anbeten alle,
die in der Erde schlafen;
vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren
und ihr Leben nicht konnten erhalten.
Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen;
vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind.
Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen
dem Volk, das geboren wird.
Denn er hat’s getan.“ (Psalm 22,28-32)

Aus der anfänglichen Klage eines Einzelnen wird am Ende ein universales Gotteslob. Mitten am Kreuz, mitten in der verzweifelten Frage also bereits eine versteckte Ahnung von Ostern. Eine Ahnung, dass Gott seine Antwort auf Jesu Frage, ja auch auf unser Fragen nicht schuldig bleiben wird. Verborgen im Ende ein neuer Anfang.

Aber noch ist es nicht soweit.

Der himmlische Gott sagt am Karfreitag kein Sterbenswort.
Aber hier am Kreuz ist er zu finden. Oder gar nicht.

Was nach dem Fragen bleibt, ist das Schweigen.
Und das Schweigen auszuhalten.
Nicht wir werden es brechen. Sondern Gott.

Amen.

Pfrn. Dr. Gabi Kern
Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte