An(ge)dacht am 9. Sonntag nach Trinitatis, dem 9.8.2020

Was für eine Verantwortung! – Welch ein Vertrauen!

„Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen;
und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“
(Lukas 12,48)

Liebe Gemeinde,

ob es uns passt oder nicht: Diese Worte aus dem Gleichnis Jesu über den treuen und treulosen Verwalter (Lukas 12,41-48), die uns als Wochenspruch durch die vor uns liegende Woche begleiten sollen, meinen uns. Speziell uns, die wir in unserer Gemeinde und in unserer Kirche besondere Verantwortung übernommen haben, sei es im Haupt-, im Neben- oder im Ehrenamt, sei es als Presbyterin oder als Pfarrer, mich selbst also auch. Uns ist viel gegeben, darum wird man bei uns viel suchen – uns ist viel anvertraut, darum wird man von uns umso mehr fordern – und wehe uns, so das Gleichnis, wenn wir unserer Verantwortung nicht gerecht werden!

Als ahnte er schon, dass die Sache heikel wird, fragt Petrus unmittelbar vor den Worten über den treuen und den treulosen Verwalter: „Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen?“ (V.41) „Zu allen“ wäre gut. Denn wenn „alle“ gemeint sind, dann bin jedenfalls nicht nur ich gemeint, sondern auch die andern; und dann sind womöglich „die andern“ noch ein wenig mehr gemeint als ich, so dass ich getrost abwarten kann, ob und wie die anderen sich Jesu Worte zu Herzen nehmen. Aber so leicht komme ich aus der Sache nicht raus. Vielmehr muss ich mir den Einspruch des Evangelisten gefallen lassen. Gerade wo es um Rechenschaft geht, sind nicht alle gleich. Vielmehr gilt: Wem viel anvertraut ist, bei dem wird man viel suchen.

Darum tun wir gut daran zu fragen, was denn den klugen und treuen Haushalter im Gleichnis auszeichnet. Zunächst einmal: Er tut den Seinen gut. Womit? Indem er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht; indem er ihnen zur rechten Zeit das Lebensnotwendige austeilt bzw.,wie es in der Matthäusparallele ganz elementar heißt, indem er ihnen zu essen gibt. Liebe Gemeinde, darum geht es in all unserem gemeindlichen und kirchlichen Tun, nur darum: dass die uns Anvertrauten satt werden an Leib und Seele. Darum geht’s, dass sie durch unser Reden und Tun und durch unseren Umgang miteinander bei Kräften bleiben oder zu neuer Kraft finden, Wegzehrung erhalten oder überhaupt erst wieder auf die Beine kommen. „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ (Joh 21,5), fragt der auferstandene Jesus am Ende des Johannesevangeliums seine Jünger, als er ihnen, für die längst schon wieder der Alltag eingekehrt war, am See Genezareth begegnet und sie so mit der alles entscheidenden Frage konfrontiert. So fragt er damals und so wird er seine Kirche bis ans Ende der Zeit fragen: Habt ihr etwas, das nährt? Habt ihr Brot für die Hungernden, Gerechtigkeit für die, die Unrecht leiden, Bleibe für die Unbehausten, Trost für die Traurigen, Wärme für die erstarrten Seelen? Habt ihr was? Wird man bei euch satt?

Dabei lernen wir aus dem Gleichnis: Es geht auch darum, das Lebensnotwendige, das Sättigende, „zur rechten Zeit“ weiterzugeben, also doch wohl situations-gerecht und zeitgemäß. Wer sättigen will, muss die Frage beantworten: Wer braucht was wann? Und wie? Schöpfen dürfen wir dabei aus den vollen Vorräten unseres Herrn, also aus der unerschöpflichen und unverwechselbaren Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes, der Himmel und Erde geschaffen hat, der Bund und Treue hält ewiglich und der nicht loslässt das Werk seiner Hände.

Denn „selig“ sind wir, wenn der Herr uns das tun sieht. Das Tun wird, gut jüdisch, noch einmal eigens unterstrichen. Denn ob der der Haushalter treu ist, entscheidet sich im letzten nicht an seiner Haltung, sondern an seiner Handlung. Nicht an seiner Gesinnung (die allein macht nicht satt) wird er gemessen, sondern an seinen Taten. Eine Verantwortung, die aus dem Vertrauen seines Herrn in ihn erwächst. Lassen wir uns also daran erinnern, wie viel uns gegeben ist, wie Wunderbares uns anvertraut ist. Wir sollen ja nichts geben, was wir nicht selbst empfangen haben: die Botschaft von Gottes freier Gnade für alle. Das reicht für uns und die anderen. Das ist mehr als genug.