An(ge)dacht am 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.07.2020

Hoher oder niedriger Besuch?

Ich bin in einem gastfreien Haus aufgewachsen und erinnere mich dementsprechend an sehr viele und sehr unterschiedliche Gäste. Da waren natürlich die Verwandten, meine Großmütter zum Beispiel oder die Geschwister meiner Eltern. Da wurde auch schon mal eine Nichte für Monate aufgenommen, weil die Mutter im Krankenhaus lag. Da waren Freunde meiner Eltern und Bekannte. Spannend war es immer mit Künstlern jeder Art. Da waren aber auch Menschen „auf der Durchreise“, also Tippelbrüder, die mit ihren atemberaubenden Geschichten uns Kinder faszinierten, aber manchmal geruchlich oder auf andere Weise sehr schwierig waren. Allerdings gab es unter ihnen auch einen ehemaligen Goldschmied, der sich Stunde um Stunde in der Gästetoilette wusch. Viele Gesichter, Typen und Begebenheiten habe ich im Gedächtnis und kann tolle Geschichten davon erzählen. Ich erinnere mich allerdings an keinen Engel unter ihnen, zumindest nicht so, wie man ihn sich vorstellt, so wie ich ihn aus der Bilderbibel kannte und er im Hain zu Mamre zu Abraham kommend oder anschließend Lot in seinem Haus besuchend dargestellt war. Keiner unserer vielen Besuchenden hat sich als Engel geoutet.

Inzwischen führen meine Frau und ich seit gut dreißig Jahren ein gastfreies Haus. Auch bei uns kommen selbstverständlich Verwandte, Freunde und Bekannte. Wir haben Menschen aus der indonesischen Partnerschaft, Praktikanten, einen Doktoranden, Künstler, mit denen ich zusammenarbeite, für Tage, manchmal Wochen, bei uns wohnen lassen. Menschen aus aller Welt, selbst Bischöfe und eine Königin waren schon Gast an unserem Tisch. Die Freunde der Landstraße gibt es so nicht mehr, aber Obdachlose, Alkoholiker und Drogensüchtige klingeln immer wieder bei uns an und fragen nach einem Essen. Viele Gesichter, Typen und Begebenheiten habe ich im Gedächtnis und kann tolle Geschichten davon erzählen. Aber auch bei unseren Gästen, kann ich mich an keinen Engel erinnern. Selbst wenn ich berücksichtige, dass Engel keineswegs immer mit Flügeln ausgestattet daherkommen müssen, sondern auch in Gestalt ganz normaler Menschen auftauchen können, wüsste ich von keinem Engel. Bisher hat sich keiner der vielen Besuchenden als Engel geoutet.

Und jetzt frage ich mich: Würde ich denn einen Engel überhaupt erkennen? Würde ich in einer Begegnung merken, dass dieser Mensch, der da bei uns zu Gast ist, ein Engel ist? Und wenn einer oder eine das von sich behaupten würde, wäre ich wahrscheinlich eher skeptisch.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich meine Gäste noch nie unter diesem Gesichtspunkt kritisch angeschaut. Ganz genau genommen, habe ich mir, obwohl unser Predigttext mir natürlich bekannt war, die Frage nach dem Engel so nie gestellt.

Für meine Eltern und mich standen und stehen eher immer die Begegnungen im Vordergrund und dabei vor allem anderen die Frage, was der oder die Besuchende braucht. Manchmal ist das ein Gespräch oder ein Beisammensein. Manchmal ein Bett und Geborgenheit. Manchmal ein Essen oder eine Toilette oder oder oder. Das ist genau das, was unser Predigttext uns nahelegen will. Schließlich beginnt er mit der Aufforderung „Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.“ Das heißt doch, dass wir völlig uneigennützig schauen sollen, was der andere oder die andere braucht. Der Blick ist nicht darauf gerichtet, was ich durch die Gastfreundschaft bekommen kann, wenn ich sie gewähre, sondern was ich mit und durch die Gastfreundschaft einem anderen Menschen Gutes tun kann. Und gerade das ist nicht einfach umzusetzen, sondern sehr schwer, denn, machen wir uns nichts vor, wir können in so manchem Menschen keinen Engel sehen und allzu oft auch nicht die Schwester oder den Bruder, sondern nur einen Fremden oder gar Feind.

Selbst unter Geschwistern gibt es viel zu oft Streit und manchmal spricht man nicht mal mehr miteinander. Spätestens aber wenn wir zum Beispiel an einen aggressiven Süchtigen denken, fällt das liebende Annehmen schwer. Dann sind wir froh, dass es dafür die Profis der Diakonie gibt, so dass wir, obwohl wir es nicht sollen, unsere Türen und Herzen verschließen können. Und genau deshalb ermahnt der Hebräerbrief in seinem letzten Kapitel seine Leserschaft: „Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.“ Denn, so hat es Jesus gesagt, „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“