An(ge)dacht am 4. Sonntag nach Trinitatis, 5.07.2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong, Kirchengemeinde Herford-Mitte.

Liebe Gemeinde!

„Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist“ lautet das biblische Thema an diesem 4. Sonntag nach Trinitatis. Im Evangeliumstext für heute fährt Jesus fort: „Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. (…) Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus dem Auge deines Bruders ziehst!“ (Lukas 6,36 ff.)

Wir sollen barmherzig sein, wir sollen verzeihen und vergeben, anstatt über andere zu richten oder sie abzuwerten. Wir sollen zuerst den Balken im eigenen Auge entfernen und uns nicht über den Splitter im Auge des anderen aufregen … – Vielen Ohren sind solche Sätze vertraut, weil sie sprichwörtlich sind. Weil sie typisch Kirche sind. Regelmäßig kommen sie sonntags im Gottesdienst vor. Hier gehören sie hin. Auch hin. Denn überall, auch außerhalb der Kirche, sollte das als Maßstab für ein gutes Zusammenleben gelten.

Die Wiederholung ist nötig. Weil das Barmherzigsein schwer ist und bleibt, auch für uns heute. Weil solche Forderungen ständig zu neuen Herausforderungen führen.

„Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist“ sagt Jesus in seiner Feldrede und bezieht sich dabei auf Worte aus dem Alten Testament. Das Thema ist also schon viel älter. Es war schon immer Thema. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ steht in Liviticus, dem 3. Buch Mose. (Kapitel 19,3) Doch wohlgemerkt: Jesus liest seiner Zuhörerschaft nicht die Leviten, sondern er legt Leviticus aus! Christliche Lebensführung beginnt demnach mit Gottes Erbarmen und mit seiner Heiligkeit. Auf diese Verbindung kommt es an, auf diese Gegenüberstellung von Gott und Menschen. Darum sind die beiden Wörtchen „wie auch“ so wichtig: Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist. Durch dieses „wie auch“ rücken die beiden Satzhälften zusammen und entsprechen einander. So kennen wir das zum Vergleich auch aus dem Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern.“ Oder: „Dein Wille geschehe im Himmel wie auch auf Erden.“ Gott und Menschen kommen sich näher und rücken zusammen durch das „wie auch“, durch diese Gegenüberstellung.

Das ethische Verhalten der Menschen orientiert sich also an Gott. Weil Gott barmherzig ist, darum sind auch wir Menschen mündig und in der Lage barmherzig zu sein: Wir sind frei Gottes Handeln als Vorbild und Orientierung zu nehmen für das eigene Tun; barmherzig zu sein wie auch Gott barmherzig ist. Sich so zu verhalten, dass für die Mitmenschen etwas Gutes entsteht und kein Schaden.
Schön, dass Jesus das so formuliert. Er könnte ja auch autoritär sagen: Jetzt seid doch endlich mal barmherzig! Oder: Warum seid ihr so egoistisch, dass es mit eurem Zusammenleben immer wieder nicht klappt?? – Das wäre ein Vorwurf. Eine Anklage. Nicht motivierend.
Indem er aber sagt: „Seid barmherzig, wie auch Gott barmherzig ist“ wird die Aufforderung freundlich. Warm. Zugewandt.
So meinte ich das eben: Jesus liest den Menschen nicht die Leviten, sondern er legt Leviticus aus: Er sagt das nicht moralisch strafend oder pädagogisch. Sondern er erinnert an das Altbekannte und assoziiert es damit, was die Menschen kennen und was in ihnen drinsteckt.

Gehen wir einen Schritt weiter: Barmherzigkeit steckt in jedem Menschen drin, sie gehört sozusagen zur menschlichen Grundausstattung!
Denn das Wort „Barmherzigkeit“ ist im Hebräischen identisch mit dem Ausdruck für „Mutterschoß“. Also dem Ort, wo das Leben entsteht, wo es heranwächst, wo es geschützt und geborgen ist. Von dorther kommt das Mitleid, das Erbarmen. Alles Lebendige geschieht in diesem verborgenen Schutzraum, der Gott selbst gehört! So haben die Geschichtenschreiber im Alten Testament sich das vorgestellt. Dort, wo das Leben sich entwickelt – wie ein Geheimnis, wie ein Wunder, mit bloßem Auge nicht erkennbar, sondern über das wir nur staunen können – dort, wo ein lebendiger, gleichberechtigter Austausch im Geben und Nehmen zwischen Menschen besteht, dort wohnt die Barmherzigkeit Gottes.

In demselben Abschnitt seiner Feldrede sagt Jesus: „Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben“ (Vers 38). Das ist die pure Fülle von Segen für ein gelingendes Miteinander! In diesem Vers haben wir es noch einmal, was mir am biblisch-hebräischen Denken so gut gefällt: Wie nämlich die in der Vergebung liegende Barmherzigkeit sprachlich mit dem Schoß identifiziert und im Schoß lokalisiert wird. Sie wird den Menschen einfach als Geschenk dort hineingelegt! Frei und umsonst. Als geschenkte Gnade.

Jesus kennt die Menschen. Darum spitzt er es zu und macht das konkret: „Richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet auch ihr nicht verdammt. Beschäftigt euch nicht so viel mit dem Splitter im Auge eures Mitmenschen und was bei dem nicht in Ordnung ist, sondern bleibt zuerst einmal bei euch selbst; bleibt bei dem Balken im eigenen Auge!“ (sinngemäß VV 37 und 41-42)

Das finde ich motivierend: Frei zu sein und die Fähigkeit zu haben sich auf diese Weise sozial zu verhalten! In einem Kanon nach einem afrikanischen Sprichwort wird das im Sinne der Barmherzigkeit so besungen:

Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten,
die viele kleine Schritte tun,
können das Gesicht der Welt verändern,
können nur zusammen das Leben bestehn.
Gottes Segen soll sie begleiten,
wenn sie ihre Wege gehn.

Andreas Smidt-Schellong