An(ge)dacht am 27. September 2020

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

2.Timotheus 1,7

Während der Demonstration in München gegen die Corona-Maßnahmen wurde ein Schild mit dem ersten halben Vers des für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen  Predigttextes hochgehalten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht!“ Impliziert wurde damit, dass alle Corona-Maßnahmen, alles Abstandhalten und Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung, alles Desinfizieren und Händewaschen nur eine Folge ungerechtfertigter Furcht wäre. Und unter Gottes Schutz und mit seinem Segen sollte diese sogenannte Pandemie doch wohl ohne Furcht, also auch ohne diese Schutzmaßnahmen, gut zu überleben sein.

Und, wie ich in manchem Gespräch feststellen musste, war der Schildträger mit seiner Meinung gar nicht so allein. Auch bei uns in der Gemeinde gibt es Menschen, die mir entgegengehalten haben, dass der menschliche Körper auch mit anderen Viren fertig werde und ich solle mal nicht so ängstlich sein. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht?“

Persönlich würde ich zwar sagen, dass mich und die meisten anderen im Bezug auf Corona nicht Angst und Furcht umtreiben, aber sehr großer Respekt vor dem virulenten Virus und der möglichen Erkrankung Covid 19. Nur ist es ja so, dass die Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung nicht immer deckungsgleich ist.

Versuchen wir also einmal, mit Hilfe dieses Bibelverses auf unser Verhalten zu gucken.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Angst lähmt. Das muss nicht unbedingt so aussehen wie bei dem sprichwörtlichen Kaninchen vor der Schlange. Wir erstarren nicht immer vollständig. Aber wir merken doch, wie unsere Sinne und unser Verstand durch die Angst gelähmt werden. Wir verstummen. Und wer dann aus Angst heraus handelt, wenn er es denn überhaupt kann, reagiert oft kurzsichtig und falsch. Angst behindert unser Fühlen, Denken und Handeln. Alles ist eingeschränkt und durch die Furcht bestimmt.

Nun ist das aber nicht Gottes Wille. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und Besonnenheit.“

Gleich drei Dinge werden hier der Furcht entgegengesetzt. Drei andere Eigenschaften bestimmen den Geist, den wir von Gott geschenkt bekommen haben. Drei andere Eigenschaften sollen das Leben als Christinnen und Christen bestimmen, als ausgerechnet die Furcht, die Angst.

Die erste Eigenschaft ist die Kraft. Während Angst lähmt, belebt die Kraft. Kraft ist die Voraussetzung für jedes Handeln, für jedes Tun. Hätte ich nicht die Kraft, diese Predigt zu verfassen und zu halten, wäre hier heute eine Lücke. Nichts könnten sie über diesen Geist hören, den uns Gott gegeben hat. Kraft ist die unerlässliche Voraussetzung für jedes Geschehen. Ohne sie läuft und bewegt sich nichts.

Aber Kraft allein kann brutal sein. Kraft ohne Liebe kann zerstörend sein. Actionfilme aber auch die Wirklichkeit der Diktaturen und der Randalierer geben davon beredtes Beispiel. Kraft allein, verursacht nur wiederum Furcht.

Darum kommt als zweite Eigenschaft die Liebe hinzu. Und Paulus hat beschrieben was das für eine Eigenschaft ist. „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu.“ Man kann auch zusammenfassend sagen: „Die Liebe achtet den Nächsten, achtet auf den Nächsten.“ Wer jemanden liebt, der will und kann dem nicht schaden. Sie kennen das, und ich hoffe, sie haben das alle erlebt. Sie werden alle Liebe erfahren und genossen haben. Sei es von den Eltern oder vom Partner oder der Partnerin, sei es durch ganz andere Menschen. Und sie werden alle geliebt haben und werden lieben, hoffentlich. Aber ich kann mir das bei Ihnen gar nicht anders vorstellen. Sie werden lieben und kennen das Gefühl mit seinen Konsequenzen. Den geliebten Kindern zum Beispiel, will man nur das beste zukommen lassen. Schaden will man abhalten. Alle Kraft wird in dieses Ziel gesteckt. Kraft und Liebe zusammen setzen sich zum Wohl der Menschen ein.

Die dritte Eigenschaft ist die Besonnenheit. Liebe kann blind machen und kraftvolle Liebe kann erdrücken. Das Beste wird gewollt, aber das Ergebnis ist dann doch vernichtend. Wo viel Kraft ist, kann sie auch zu stark werden. Es gibt Menschen, die sind zu Tode geliebt worden, die sind an der Klammerung der Liebe zerbrochen, denen schnürte die Liebe jede Luft zum Atmen ab.

Darum tritt als Drittes die Besonnenheit hinzu. Das ist das Sehende, das Vorausschauende, das ist das Umsichtige, das wirklich vom anderen her denkt. Dann frage ich nämlich nicht mehr, wer mein Nächster ist, sondern wem ich zum Nächsten werden kann. Die Besonnenheit macht die Liebe sehend und lenkt die Kraft in die richtigen Bahnen. Damit wird dann wirklich alles Handeln ein Wirken zum Wohl des Nächsten.

Wer nun sich durch Gottes Geist mit diesen drei Eigenschaften bestimmen lässt, der lebt als Christin oder Christ. Der hat „Ja“ zu diesem Geist gesagt. Aber mit einem einzigen Mal ist es leider nicht getan. Das ändert nicht unseren Geist für alle Zeit, sondern immer wieder müssen und dürfen wir uns auf diesen Geist besinnen und zu ihm zurückkehren. Immer wieder dürfen wir uns Gott zuwenden und ihn um seinen Geist bitten, den Geist des Glaubens. Es ist der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und Gottes Geist füllt dann so sehr aus, dass für Angst und Furcht kaum mehr Raum bleibt. Selbst vor dem Sterben brauchen wir uns nicht mehr zu fürchten. In Gottes Geist wissen wir, das wir in Gottes Liebe geborgen sind.

Die Angst, so stellten wir fest, lähmt. Dieser Geist dagegen, der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit dagegen befreit zum Leben und zum Handeln. Mit diesem Geist können wir die Welt und ihre Probleme inklusive der Corona-Pandemie wahrnehmen und als Aufgabe annehmen. Mit diesem Geist können wir den Nächten und die Nächste mit ihren jeweiligen Notwendigkeiten, auch der Bewahrung vor Infektionen, erkennen. Wir können uns für sie einsetzen und ihnen helfen.

Ja, mit diesem Geist vermögen wir, die Geister zu unterscheiden, die hinter so vielen Aktivitäten stecken. Wir erkennen dann die Kräfte, die sich ernsthaft um die Sorgen und Belange der Menschen kümmern wollen. Und wir erkennen die anderen, die mit Ängsten arbeiten, und die, die leichtsinnig und blauäugig durchs Leben gehen. Ihnen allen dürfen und sollen wir die Kraft des Evangeliums entgegensetzen.

Während der Demonstration in München gegen die Corona-Maßnahmen wurde ein Schild mit dem ersten halben Vers unseres Predigttextes hochgehalten: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht!“ Impliziert wurde damit, dass alle Corona-Maßnahmen, alles Abstandhalten und Tragen von Mund-Nasen-Bedeckung, alles Desinfizieren und Händewaschen nur eine Folge ungerechtfertigter Furcht wäre. Das sehe ich wirklich anders!

Um es noch einmal in einem ganz einfachen Bild zu sagen: Ich habe keine Furcht vor Autos, bin aber besonnen genug, nicht auf der Autobahn spazieren zu gehen und auch andere Sicherheitsregeln einzuhalten. Genauso habe ich keine Furcht vor Corona, bin aber besonnen genug, Sicherheitsregeln wie die Abstandspflicht und das Maskentragen einzuhalten. Gott sei Dank, hat er uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und Besonnenheit. So können wir mit anderen und uns selbst achtsam umgehen.

Einen gesegneten Sonntag und bleiben Sie besonnen und in Gottes Liebe geborgen!

Ihr Pfarrer Johannes Beer