An(ge)dacht am 2. Weihnachtstag 2020

Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.

Darin besteht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

(1. Johannes 4,9-10)

Liebe Gemeinde,

„wo kommst du denn wech?“, so lautet die typisch ostwestfälische Frage, wenn es darum geht, etwas über die Herkunft meines Gegenübers in Erfahrung zu bringen. „Wo kommst du wech?“ meint dabei so viel wie: „Wo kommst du her? Woher stammst du? Wo liegen deine Wurzeln?“

Man könnte meinen, dass in unserer individualisierten Gesellschaft, in der die Herkunft eines Menschen ja gerade keine übergeordnete Rolle in unserem Miteinander mehr spielen soll, das Interesse an dieser Frage zunehmend verblasse – jedoch: das Interesse an Ahnenforschung, die Erstellung familiärer Stammbäume, der Nachweis wichtiger Stationen auf dem Lebensweg deuten in eine andere Richtung. Und die Erfahrung im Alltag bestätigt vielmehr: Je mehr ich über die Herkunft meines Gegenübers weiß, umso besser kann ich ihn oder sie in der Regel auch verstehen.

Die biblischen Texte des zweiten Weihnachtstages sind in dieser Hinsicht eigentlich gut ostwestfälisch. Sie führen weiter vom staunend-anbetenden „Wo“ an der Krippe zum neugierig fragenden „Woher?“: Woher ist das Kindelein, der Sohn, der Christus?

Der Evangelist Matthäus greift diese Frage gleich im Titel seines Evangeliums auf: „Buch der Genesis (des Ursprungs) Jesu Christi, des Davidsohns, des Abrahamsohns“ (Matthäus 1,1). In 3×14 Generationen führt uns der Evangelist die Abstammung Jesu vor Augen und wir lernen: Als Träger seiner messianischen Hoffnungen wurzelt Jesus in der Geschichte Israels. Sein Stammbaum liest sich wie eine zusammenfassende Bündelung dieser Geschichte und ist als solche untrennbar mit seiner Person verbunden. Doch ist damit die Frage nach der Herkunft des Neugeborenen noch nicht umfassend beantwortet, wie der Engel dem verunsicherten Josef im Traum unmittelbar darauf deuten muss, liegt der Ursprung dieses Kindes doch bei Gott: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist.“ (Matthäus 1,20).

Der Kirchenmusiker Nikolaus Herman hat den Kern der Weihnachtsbotschaft, die Antwort auf die Frage nach dem „Woher“ des Kindleins, im 16. Jahrhundert in folgende Worte gekleidet (EG 27):

Lobt Gott, ihr Christen alle gleich, in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich und schenkt uns seinen Sohn.

Er kommt aus seines Vaters Schoß und wird ein Kindlein klein,
er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.

Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering
und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.

Das ist es! Genau das ist das Faszinierende und unendlich Tröstliche: Der Schöpfer aller Dinge gibt sich in unsere Welt hinein, wird ein Knecht, wird niedrig und gering. Weihnachten ist somit – im übertragenen Sinn – das Ende vom Abstand halten. Gott kommt zur Welt und überwindet von sich aus – allein aus Liebe zu uns (!) – den größten Abstand, den wir denken können: den Abstand zwischen Himmel und Erde, zwischen uns Menschen und Gott. In der Geburt Jesu kommt er uns nahe und zeigt sich uns, wie wir selbst es sind, verletzlich und auf Liebe angewiesen.Der Ursprung dieses Kindleins liegt bei Gott, dort kommt es „wech“, wie es im 1. Johannesbrief heißt:„Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“

„… damit wir durch ihn leben sollen.“ Die Konsequenzen sind ungeheuerlich: Es gibt kein Stück Welt mehr, das so verloren wäre, so abgeschnitten von seiner Bestimmung, dass es nicht mehr erreicht werden könnte von der Liebe Gottes, dass es aufgegeben werden müsste, dass es nicht mehr sichtbar werden könnte als das, was es ist: Teil der guten Schöpfung Gottes. Das ist der Grund dafür, dass wir dieses Kind in der Krippe als Heiland der Welt bezeichnen. Das ist der Grund dafür, dass wir von ihm wirklich Heilung für unsere geschundene Welt erwarten dürfen, Versöhnung für unsre Sünden. Das ist der Grund dafür, dass wir selbst angesichts der schier unlösbar erscheinenden Herausforderungen in diesem Jahr die Hoffnung auf Gottes Nähe und Beistand nicht verlieren müssen – allem Abständigen in uns und in der Welt zum Trotz. Christ, der Retter, ist da!

Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein!
Wie könnt es doch sein freundlicher, das herze Jesulein!

Die Weihnachtsstimmung, die ich Ihnen und uns allen in diesem Jahr trotz aller Einschränkungen ganz besonders wünsche, ist etwas Wunderschönes. Ob sie wieder verfliegt und dann vielleicht nur noch Leere zurückbleibt oder ob sie unser Leben verändert, entscheidet sich daran, ob wir das wirklich im Herzen hören und uns mit unserem Leben darauf einlassen: dass der allmächtige, ewige Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und uns wie ein Bruder oder eine Schwester in den guten und in den schweren Tagen begleitet, heute, morgen, im kommenden Jahr, das ganze Leben, ja eine ganze Ewigkeit. Nichts weniger bedeutet das, als dass sich an Weihnachten für uns die Tore des Paradieses wieder öffnen. Die Cherubim, die Engel, die den Eingang zum Paradies bewachen, sind abgezogen.

Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis;
der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!

Amen.

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(Bild: N. Schwarz © GemeindebriefDruckerei.de)