An(ge)dacht am 18. Sonntag nach Trinitatis (11.10.2020)

von Pfrn. Dr. Gabi Kern.

Liebe Gemeinde,

in der Bibel geben die ersten Worte eines Buches häufig schon Aufschluss über seinen zentralen Inhalt und sein jeweiliges Thema. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – so beginnt das erste Buch der Bibel und es erzählt von Gottes guter Schöpfung und seinem Ringen um den von ihm geschaffenen Menschen. „Am Anfang war das Wort“ – so beginnt das Johannesevangelium, und es erzählt die Geschichte Jesu Christi, der dort mit dem Wort Gottes gleichgesetzt wird.

Auch das Buch der Psalmen besitzt ein solches Portal, durch das der Leser diese Sammlung von Psalmen betritt. Psalm 1 begrüßt ihn mit den Worten:

1Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt, wo die Spötter sitzen,
2sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

3Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.

4Aber so sind die Gottlosen nicht,
sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.

5Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

6Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten,
aber der Gottlosen Weg vergeht.

„Wohl dem“ bzw. „selig, glücklich zu preisen ist, wer …“ – darum also geht es im Buch der Psalmen: um das Glück, um das Heil, um die Seligkeit des Menschen.Dieses Wort gilt nicht nur für Psalm 1, sondern auch für alle anderen 149 Psalmen. Von diesem Wort aus wollen alle Psalmen gelesen und vor allem gelebt werden.

Damit reiht sich der Psalm in die dem Menschen eigene Suche nach dem Glück ein. Als ausgeschmückte Seligpreisung stellt er dem Menschen dabei zwei Wege vor Augen:

Verse 1 und 2 preisen den Lebensstil des Menschen, der sich als „Gefolgsmann“ Gottes inmitten einer gottlosen Welt bewährt, in doppelter Weise. Einerseits praktiziert dieser „Gerechte“ ein konsequentes Nein, das seinen Alltag rundum prägt. Er lässt sich nicht von den Überlegungen der Gottlosen beeinflussen, er gestaltet seinen Lebensweg nicht als Abfolge sündiger Aktionen, er praktiziert keine Kumpanei mit denen, die die überlieferte Tora spöttisch belächeln: Vom Gedanken über die Aktion bis hin zur organisierten Lebensführung unterscheidet er sich von allem, was viele seiner Zeitgenossen treiben. Den hier genannten „Gottlosen, Sündern und Spöttern“ ist gemeinsam, dass sie ohne Rücksicht auf andere ihre eigenen Interessen vertreten, sich über ihren Nächsten und sogar über Gott erheben – ein Weg, auf dem zu keiner Zeit und an keinem Ort jemals Segen lag noch liegen wird. So soll der Gerechte nicht sein! Psalm 1 ruft zum Abstand gegenüber diesen Gottes- und Menschenverächtern auf und stellt dem andererseits positiv die Freude und Lust am Gesetz des Herrn gegenüber. Dies mag in unseren protestantisch geprägten Ohren befremdlich klingen, denn Freude und Gesetz, Lust und Gesetz scheinen für unsso gar nicht zusammen zu passen. Dabei meint „Gesetz“ hier doch Gottes heilmachendes und Leben schaffendes Gebot, seine Weisungen, seine Anleitungen zu einem glücklichen, gelingenden Leben.Und diese Weisung Gottes, so formuliert es das 5. Buch Mose, ist uns Menschen weder zu hoch noch zu fern, weder im Himmel noch jenseits des Meeres, sondern „es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust“ (5. Mose 30,14).

Auch das Neue Testament weiß um die lebensstiftende Kraft solcher Gebote und traut uns deren Einhaltung zu: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe“, so heißt es im Wochenspruch (1. Johannes 4,21).Darin sind sich das Alte und Neue Testament einig: Die Gottesfurcht besteht darin, Gott zu lieben, zu respektieren, sein Herz für ihn zu öffnen und auf seinen Wegen zu wandeln. Und die Nächstenliebe: sie besteht darin, die Person nicht anzusehen, keine Bestechung anzunehmen, den Waisen zu ihrem Recht zu verhelfen und den Fremdling zu lieben. Wer dies tut, der wird sein wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Ein solcher Mensch ist gesegnet und er wirkt selbst zum Segen. Der übervolle Baum mit Früchten ist das beste Gleichnis für Gottes Segen. Und der Mensch, der so wirkt, der ist nach Psalm 1 ein glücklicher Mensch.

Dabei weiß der Psalmist natürlich auch von den Schwierigkeiten und Widerständen, denen derjenige begegnet, der der Gebot der Gottesfurcht und Nächstenliebe in die Tat umsetzen will. Die Psalmen sind voll von tiefen Seufzern und lauten Klagen von Betern, die mit ihrem Glauben, ihrem Vertrauen auf Gott an ihre Grenzen stoßen. Auch Psalm 1 weiß von dem Leid und dem Schmerz der Frommen, aber dennoch wagt er den Zuspruch: „Glücklich ist der, der Gott sucht und sein Gebot tut!“

Der Psalm redet vom Glück der Frommen, weil dieser Zuspruch Gottes nie fallen gelassen wird: „Der HERR kennt den Weg der Gerechten“, d.h. er liebt und begleitet sie auf allen ihren Wegen – „und ob ich schon wanderte im finstern Tal …, du, Gott, bist bei mir!“Das ist für unseren Psalmdichter „Glück“ – im wahrsten, tiefsten und allumfassenden Sinne. Die Erfahrung dieses Glückes wünsche ich Ihnen und mir!

„Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
 ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.“
(EG 503,14)