An(ge)dacht am 18. Oktober 2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Liebe Leserin und lieber Leser!

An diesem Sonntag haben wir eine bekannte Wundergeschichte aus dem Markusevangelium als Evangeliumstext, die Heilung eines Gelähmten:

Kapitel 2  1 Jesus ging nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht genug Platz hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und weil sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Folgen wir einmal dem Weg dieser vier Träger! Und schauen wir, was es bedeutet als Gemeinde, als Kirche unterwegs zu sein. Sieben Beobachtungen dazu (Nachfolgend sind Predigtgedanken von Peter Bukowski und Klara Butting zugrundegelegt.):

1. Beobachtung: Sie sind mehrere. Denn es gilt: Wo zwei oder drei oder in diesem Fall vier oder noch mehr in Jesu Namen versammelt und unterwegs sind, da ist er mitten unter ihnen (vgl. Mt 18,20). Im Alleingang würde die Geschichte wahrscheinlich nicht gelingen. Es braucht die anderen: die Gemeinschaft, die Hand in Hand zusammenarbeitet für die gemeinsame Sache. Dazu gehören dann auch diese „einige“ in Vers 3, die außer den vier Trägern noch erwähnt werden: „Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen.“ Es gab da also noch etliche mehr, die im Augenblick zwar keine bestimmte Aufgabe haben, die aber trotzdem mitgehen und auf Distanz beteiligt sind.

Meine 2. Beobachtung betrifft den Zusammenhalt. Das Bild der vier Träger mit dem Gelähmten auf seiner Matte macht deutlich, dass Zusammenarbeit und und ein guter Zusammenhalt notwendig sind. Es wäre auf Kosten des Gelähmten gegangen, wenn die Vier sich nicht hätten einigen können! Es hätte ihm das Genick brechen können, wenn einer sein Packende loslässt und sich entfernt. Ein funktionierender Zusammenhalt braucht außer den ideellen Werten auch Spielregeln, Ordnungen, Leitung, Koordination … und Durchhaltevermögen.

3. Beobachtung: Die Vier haben ein klares Ziel vor Augen. Sie wollen zu Jesus. Von seinen Worten und Taten versprechen sie sich etwas. Dabei kommen sicher auch Fragen: Wo geht die Reise eigentlich hin? Wozu machen wir das? Warum tun wir dies und lassen jenes? Dann sind tragfähige Antworten gefragt.

Die Vier in der Geschichte verfolgen ihr Ziel und behalten es im Auge. Sie haben eine Vision, dass sich durch Jesu Nähe etwas verändert. Visionen gehören in der Gemeinde also auch mit dazu.

Die 4. Beobachtung hat etwas mit Kirche für andere (Dietrich Bonhoeffer) zu tun. Die Vier laufen auf ihrem Weg zu Jesus nicht stur geradeaus, sondern gucken dabei auch nach links und rechts. Sie bemerken den notleidenden Mitmenschen, der seinen persönlichen Weg und den Weg zu Jesus ohne fremde Hilfe nicht schafft. Sie halten an und nehmen ihn mit. Achtsam sein, hinsehen und hingehen – dasist diakonisches Handeln im Sinne des Pauluswortes „Einer trage des anderen Last!“ (Galater 6,2).

5. Beobachtung: Versetzen wir uns jetzt in den Gelähmten hinein, in die Hauptperson, die in der ganzen Geschichte kein einziges Wort sagt. Jesus spricht zu ihm: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Er sagt nicht „Du armer, bemitleidenswerter Mensch!“ Er behandelt den Gelähmten nicht von oben herab, sondern er begegnet ihm „auf Augenhöhe“. „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause.“ Jesus fordert den Gelähmten auf die Perspektive zu wechseln: Er soll sich nicht bloß als defizitär, als „unnormal“ oder behindert ansehen. Sondern er soll sich von den gesellschaftlichen Normen freimachen, die ihn auf die Maßstäbe des „Normalen“ und Leistungsfähigen festlegen. Jesus stellt ihn in einen anderen Lebens- und Wertezusammenhang hinein: Der Gelähmte soll nicht bloß auf das sehen, was er nicht kann, sondern sich getragen wissen von den Freunden und dass er für Gott kein aussichtsloser Fall ist! Dieser Zuspruch eröffnet einen Ausweg aus der lähmenden Macht herrschender Bilder von gesundem und funktionierendem Leben. Darüber diskutiert Jesus dann mit den Schriftgelehrten, die sich beschweren, dass doch nur allein Gott Sünden vergeben kann.

6. Beobachtung: Die Vier scheuen keinen Widerstand. Der Zugang zu Jesus ist zwar versperrt durch die große Menschenmenge. Doch Not macht erfinderisch: Wo die Leute um Jesus herum dichtmachen, da nehmen sie den Umweg über’s Dach. Sie klettern hinauf, reißen es auf, bis die Öffnung groß genug ist, um ihn herunterzulassen. Am Ende erreichen sie, was sie wollen. Dank ihrer Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit.

7. Beobachtung: Die Vier sind verrückt! Sie verrücken den Gelähmten von A nach B und verschaffen ihm und sich selber auf diese unkonventionelle Weise Zutritt zu Jesus. Das mag man dreist und ungehörig finden – schließlich ist es nicht die feine Art fremden Leuten auf’s Dach zu steigen und einzubrechen. Aber in diesem Augenblick ist das für die Träger völlig egal.

Ihr ziviler Ungehorsam wird zum Wesensmerkmal einer offenen christlichen Gemeinde. Eigentlich kann einem doch vieles egal sein, wenn es um das Wohl eines Menschen geht. Da gibt es Wichtigeres als gutes Benehmen. Da macht man sich auch mal die Hände schmutzig, spielt „verrückt“ oder macht sich unbeliebt.

Jesus zeigt sich tolerant. „Als er ihren Glauben sah. ihren zivilen Ungehorsam, ihre Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit, spricht er zu dem Gelähmten: Deine Sünden sind dir vergeben“ und heilt ihn.

Am Ende sind die Vier am Ziel. Sie haben alles getan, was sie tun konnten. Jetzt kümmert sich ein anderer um ihn, für den sie bis hierher Verantwortung getragen haben.

Ich wünsche Ihnen persönlich Gottes Segen! Als Gemeinde wünsche ich uns Gottes guten Geist, während wir gemeinsam unterwegs bleiben. Ich wünsche uns auch, dass wir dranbleiben an schwierigen Fragen wie dieser: Was ist mit all den Menschen, deren Krankheitsgeschichte nicht so gut ausgeht wie bei dem Gelähmten? Und ich wünsche uns, dass wir miteinander unterwegs bleiben, trotz mancher Hindernisse. Mögen die biblischen Visionen uns den nötigen inneren Halt geben, Kraft und Trost.

Ihr Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

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(Abbildung: Julius Schnorr von Caroldsfeld: Die Heilung des Gichtbrüchigen, aus: Die Bibel in Bildern, 1860)