An(ge)dacht am 13. Sonntag nach Trinitatis, 6.9.2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong,

Liebe Leserin und lieber Leser!

An diesem Sonntag haben wir die neuen Konfirmandinnen und Konfirmanden im Gottesdienst begrüßt und sie in unserer Gemeinde willkommen geheißen. Im Gottesdienst stand die bekannte Jesusgeschichte von der Stillung des Seesturms (Markus 4,35-41) im Vordergrund, die für die Jugendlichen aktuell und unmittelbar nachvollziehbar war:

Jesus sprach zu seinen Jüngern: Lasst uns ans andre Ufer fahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, als er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es kam eine große Stille. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

Eine dramatische, lebensgefährliche Situation. Die Jünger sind in großer Sorge, dass sie gleich untergehen mit ihrem Schiff. Völlig verständlich. Natürlich bekommen sie es mit der Angst zu tun, während um sie herum der Sturm tobt. Sie fühlen sich klein und hilflos gegen die Macht der Wellen.
Und Jesus? Warum tut er nichts? Warum liegt er da seelenruhig hinten im Schiff und schläft? Merkt er denn gar nichts?
Am Ende geht die Geschichte gut aus. Die Jünger kommen mit dem Schrecken davon. Sie sitzen alle in einem Boot. – „Wir sitzen auch alle in einem Boot“ sagten damals die ersten Christen, als sie sich vor vielen hundert Jahren Gedanken über das Leben machten und sich dafür das Symbol mit dem Schiff ausdachten. Ungefähr so: Mal gibt es windstille Tage, an denen die Fahrt schön ruhig ist. Mal gibt es aber auch stürmische Zeiten, wo nichts mehr gemütlich und glatt läuft. Wo man sich bedroht fühlt oder überfordert ist.
Das konnten die Jugendlichen am Sonntag auf Anhieb verstehen. Auch sie fühlen sich manchmal überfordert durch Leistungsdruck in der Schule; durch Zweifel, ob sie den Anforderungen standhalten; beim Streit mit den Eltern oder bei Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen. Das können Momente sein, wo einem das Wasser bis zum Hals steht und man sich fragt: „Mein Gott, warum?“ Als ob Gott mich nicht sieht. Als ob er weit weg ist, ausgerechnet wenn es mir schlecht geht.

„Jesus aber schlief“ erfahren wir. Darum bedrängen und rütteln sie ihn: „Wach doch auf! Siehst du nicht, was hier los ist und dass wir dich jetzt brauchen?“ Für den Evangelisten Markus, den Erzähler unserer Geschichte, kommt es darauf an, was Jesus schließlich tut: „Da stand er auf, drohte dem Wind und rief: ‚Schweig still!‘ Und der Wind legte sich und es trat völlige Stille ein.“
Was für ein Machtwort, liebe Gemeinde! Wind und Wellen hören auf das Wort Jesu! Sogar die Naturkräfte gehorchen seiner Stimme!
Durch dieses Machtwort merken die Jünger: Jesus ist wirklich ein Helfer und Retter, auch in der Bedrängnis. Als die Not vorher am größten war, da können die Jünger ihn gar nicht sehen. Da sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, mit ihrer Angst, mit ihrer Panik. Da ist der Zweifel viel stärker als das Vertrauen.
Doch dann merken sie: Er ist trotzdem da; er ist uns nahe. Er ist mächtig, auch wenn wir dachten, dass er schläft und unsere Not nicht sieht. So gesehen können sie gar nicht untergehen, weil Jesus bei ihnen ist.

In einem Gesangbuch-Lied heißt es: „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Und ein paar Zeilen weiter: „Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammen schweißt / in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geist.“

In der Woche nach Ostern planen wir nächstes Jahr wieder eine Segelfreizeit auf dem Ijsselmeer mit mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden … und hoffen natürlich, dass es keinen gefährlichen Sturm gibt, sondern dass wir gute Erfahrungen als Gruppe machen und zusammenwachsen. So wie in dem Lied: Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, alle Menschen, die in diesem Schiff sitzen und unterwegs sind durch das Meer der Zeit, durch die Auf‘s und Ab‘s im Leben – , sie sind gehalten von Gottes Hand!

Die Wundergeschichte von der Sturmstillung erinnert uns daran:
Gott ist gerade auch in stürmischen Zeiten und in schweren Momenten da. Er ist auch da, wenn wir ihn nicht sehen. Er ist auch dort, wo wir ihn gar nicht vermuten – oder: wo wir womöglich nichts mehr von ihm erwarten.

„Warum habt ihr solche Angst?“ fragt Jesus seine Jünger. „Habt ihr denn keinen Glauben? Warum lasst ihr zu, dass die Angst euren Glauben klein macht?“ Der Glaube vertraut darauf, sagt Jesus, dass sich Gottes Möglichkeiten nicht in den Möglichkeiten der Menschen erschöpfen – und auch nicht in den Grenzen, die uns gesetzt sind.
Sich in der Not auf Gott verlassen: Solches Vertrauen beweist Jesus durch sein Schlafen mitten im bedrohlichen Sturm. Er ruht nicht in einem von Wellen überfluteten Boot, sondern er ruht in den Händen Gottes. Denn auch für ihn gilt, was bereits ein Psalmbeter bekennt: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.“(Ps 121,4)

Mir persönlich helfen Geschichten wie diese vom Seesturm weiter an schweren Tagen. Dies wünsche ich auch den Jugendlichen: Dass sie ihnen Orientierung geben und sie trösten, wenn sie mal Kummer haben oder nicht weiter wissen. Und dass es sich allein schon deshalb lohnt zum Konfirmandenunterricht zu gehen, um solche Geschichten zu kennen und dadurch einen Halt für’s Leben zu finden.

Sie sind selbstverständlich keine Garantie, dass am Ende alles gut ausgeht und sich die schweren Dinge im Wohlgefallen auflösen. Aber der Glaube, das Vertrauen kann helfen nicht in Angst und Sorge steckenzubleiben. Das ist das Evangelium dieser Seesturm-Geschichte:
Gott ist trotzdem da. Auch wenn ich ihn nicht sehe. Nicht die Stürme des Lebens haben das letzte Wort, sondern das letzte Wort hat Gott!
Darum ist es gut an Gott festzuhalten und in den Lied-Kehrvers einzustimmen: „Bleibe bei uns, Herr, (…) denn sonst sind wir allein auf der Fahrt durch das Meer, o bleibe bei uns, Herr.“

Bleiben Sie gesegnet und behütet!

Pfarrer Andreas Smidt-Schellong