An(ge)dacht am 13. September 2020

Liebe Gemeinde,

heute, am 13. September 2020 ist nicht nur der Tag der Kommunalwahl und der Tag, an dem unsere Gemeinde nach dem Coronashutdown zum ersten Mal wieder, wenn auch unter besonderen Bedingungen, Abendmahl feiert, sondern es ist der „Tag des offenen Denkmals“. Und wir befinden uns ja grade in einem offenen Denkmal, das zum Glück, nicht nur heute offen ist, sondern von uns, von der Gemeinde lebendig genutzt und mit Leben gefüllt wird. Und auch wenn der „Tag des offenen Denkmals“ dieses Jahr zum ersten Mal digital stattfindet, so sind unsere Kirchen doch in der Realität und ganz analog offen.

Und dennoch ist auch bei uns durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Hygieneschutzmaßnahmen manches anders: Eigentlich wollten wir heute ein großes Fest feiern, eigentlich sollte heute hier ein Festgottesdienst mit vielen Gästen dieses offene Denkmal feiern, denn der Baubeginn dieser Münsterkirche jährt sich zum 800 mal und die Fertigstellung zum 770ten mal.

Aber in diesem Jahr ist manches anders. Und dennoch sind wir dankbar und glücklich über diesen Kirchbau. Dennoch wollen wir mit diesem Gottesdienst Gott loben und ihm danken, dass wir diese Kirche haben und in ihr Gottesdienst feiern können. So stimmen wir ein in den Wochenspruch dieser Woche: „Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Sicher, es ist nicht alles zum Loben und es fällt schwer für Corona und alles, was damit zusammenhängt, Gott zu danken. Sicher, in all den Jahrhunderten, in denen diese Kirche hier steht, gab es manche Krisenzeiten, Pestjahre und Kriege und vieles andere, worüber das Lob der Menschen immer wieder ins Stocken geriet. Diese Mauern haben auch viel Leid und Elend erlebt, das viel unbeschreiblicher  war, als das, was heute uns bedrückt. Aber dennoch ist das Lob in diesen Mauern nie verstummt. Dennoch haben Menschen sich über die 800 Jahre hinweg immer hier im Gottesdienst versammelt, zu Gott gebetet, gefleht und gedankt und eingestimmt in die ewigen Lobgesänge. In all den vielen Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten hat die Gemeinde in das „Heilig, heilig, heilig“ der Abendmahlsliturgie eingestimmt, dass eigentlich aus der alttestamentlichen Thronschau Gottes stammt.

Dieser ewige Gottesdienst ist in der Mitte der Kirche im zentralen Gewölbe dargestellt. Wenn wir in diesem Gottesdienst, wenn auch nur summend, einstimmen in diesen Lobgesang, ist dies ein Teil des ewigen Lobgesanges der Engel. Und die Münsterkirche, so haben es die Bauherr¬innen gewollt, stellt als steingewordener Gottesdienst die Verbindung von unserem Gottesdienst zum himmlisch, ewigen Gottesdienst her.

„Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Nur, so wissen wir es, sind wir eigentlich nicht würdig an dem ewigen Gottesdienst teilzunehmen. Eigentlich sind wir durch unsere Sünden von Gott getrennt.

Der Beter unseres Psalmwortes hat das gewusst. So schreibt er: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“

Ja, der ganze Psalm ist ein einziges Loblied auf die Gnade Gottes, auf seine Barmherzigkeit, seine Sündenvergebung.

Der Psalmbeter ist sich bewusst, dass er nie so leben kann, wie Gott es eigentlich von ihm haben will. Er weiß, dass er immer wieder gegen Gottes Gebote mit Werken, Worten und erst recht Gedanken verstößt. Er weiß, dass er dies von sich heraus auch nicht ändern kann und erst recht nichts Gott zur Wiedergutmachung anbieten kann.

Und daran hat sich ja wohl nichts geändert. Wir sind mit dem Bewusstsein, dass auch in dieser Woche wieder vieles an unserem Leben nicht Gottes Willen entsprochen hat, in diesen Gottesdienst gekommen. Wir haben das, was uns bewusst war und auf dem Herzen lag mit dem zusammen, was uns nicht bewusst war, in das gemeinsame Sündenbekenntnis gelegt und vor Gott gebracht.

Sicher wir haben das gemeinsam und mit vorformulierten Worten getan, aber es ist doch ein Sündenbekenntnis und ich unterstelle vor dem Zuspruch der Vergebung, die normalerweise mit dem Bibelwort geschieht, dass jede und jeder es für sich sehr ernst meint. Und darauf darf ich eben anstatt und auf Befehl unseres Herrn und Heilandes die Vergebung der Sünden zusprechen.

„Der dir all deine Sünde vergibt.“ heißt es in diesem Psalm. Der also von uns abnimmt, was uns von ihm, von Gott, trennt. Der alles Falsche weit, weit weg wirft, so dass es nichts mehr mit uns zu tun hat. Der uns wieder zu sich zieht, wo wir uns abgewandt haben. Gottes Liebe geht soweit, dass er alles tut, damit alles Trennende verschwindet.

Und so beschreibt der Psalm bereits vorausschauend, was wir für uns erst in Jesus erleben und erkennen können. So wie wir es im gerade gelesenen Evangelium gehört haben, kam Gott in Jesus auf die Welt, um nach dem Verlorenen zu suchen. Er kam um als Mensch unter Menschen unser Leben zu leben. Er kam um die Sünder zur Buße zu führen. Er kam, um unsere Leiden zu tragen und unseren Tod zu sterben. Er wollte ganz bei uns Menschen sein und für uns da sein, um uns zu Gott zu ziehen. Darum ging er ins Leiden, ging schließlich in den Tod am Kreuz. Er erlitt unsere Strafe für unsere Sünden. Aber er blieb nicht im Tod. Gott hat sich zu seinem Sohn bekannt und ihn wieder auferweckt.

Auch die Erbauerinnen dieser wunderbaren Münsterkirche waren sich dessen bewusst. Gehen wir einmal in Gedanken durch den alten Gemeindeeingang, der früher der einzige Eingang der Gemeinde war, das Siebensonnenportal.

Kaum hat man die Kirche betreten, schaut man auf den Altar. Über ihm hängt heute das große Kreuz an der Stelle, wo früher auf dem Lettner das große Triumphkreuz stand. Am Kapitell daneben sehen wir einen aufrechten Löwen, der mit dem biblischen Bild des Löwen aus Juda Christus symbolisiert. Darunter ist ein zweiter Löwe angebracht, der aber nun gebeugt ist und aus dessen Schnauze und After Drachen kriechen. Dieser symbolisiert die Sünde, die, wie es im täglichen Abendgebet der Stiftsdamen als Warnung heißt: „umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen sie verschlinge.“ Aber dieser zweite Löwe ist gebeugt, ja besiegt durch den anderen Löwen. So steht hier eine kurze steingewordene Predigt: Der Löwe aus Juda hat am Kreuz den Löwen der Sünde besiegt. Und auch, wem dies gilt, ist dort dargestellt: Vom gegenüberliegenden Pfeiler schauen Adam und Eva stellvertretend für die Gemeinde glücklich auf den Löwen aus Juda.

So können wir nicht nur dankbar und glücklich über diese Kirche, sondern vor allem über das Heilshandeln Gottes sein, das uns gilt. So können wir immer wieder neu hier das Lob Gotte anstimmen und Gottesdienst feiern. Immer wieder dürfen wir vor Gott treten und verbunden durch den steingewordenen Gottesdienst der Münsterkirche mit den Engeln in das „Heilig, heilig, heilig“ einstimmen. Immer wieder dürfen wir mit dem Psalm Gott preisen:

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“

Ich wünsche Ihnen viel Grund zum Loben und den Segen Gottes!

Pfarrer Johannes Beer

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