An(ge)dacht am 11. Sonntag nach Trinitatis, dem 23.8.2020

von Pfrn. Dr. Gabi Kern

Liebe Gemeinde,

jeden Morgen, wenn wir die Augen aufmachen, liegt ein neuer Tag vor uns, leer und geöffnet wie eine Schale. Wer wird diese Schale füllen, und womit wird sie gefüllt? Vielleicht stellen wir uns diese Frage gar nicht mehr; denn wir glauben zu wissen, was dieser neue Tag bringen wird. Er wird in der Regel bestimmt sein von der Routine, von dem also, was wir wenig liebevoll den Alltagstrott nennen. Das bringt unser Leben in unserer Familie und an unserem Arbeitsplatz so mit sich. Wir wissen schon, was da kommen wird. Und das finden wir gut so.
Denn wir fürchten nicht so sehr die Routine, sondern vielmehr das Unvorher-gesehene, die Überraschung, das Neue und Unbekannte. Es bringt unseren Alltag durcheinander, wirbelt in unserem Leben herum und stellt Dinge auf den Kopf. Wir wissen nicht, wie wir reagieren werden und ob wir mit heiler Haut davon-kommen. Da bleiben wir lieber bei dem Gewohnten, wo wir sicher sind, dass alles seinen erprobten Gang geht.
Doch es gibt Ausnahmen: wenn wir ein Fest erwarten zum Beispiel, einen Geburtstag oder eine Hochzeit. Dann kehrt etwas von dem Glanz des Neuen in unseren Morgen zurück. Oder eine Prüfung steht ins Haus; auch das ist eine Abwechslung; aber sie besonnt den Morgen nicht gerade, sondern wirft eher einen Schatten auf ihn. Ob wir nun das Besondere oder die Routine erwarten, kein Mensch weiß, ob auch wirklich eintrifft, was er erhofft oder befürchtet. Stets liegt die Möglichkeit in der Luft, das irgendetwas die Routine durchbricht oder das Fest stört – oder positiv: den Schatten vertreibt. Die Schale kann ganz anders gefüllt werden, als wir uns das am Morgen vorstellen. Wir sind von Dingen abhängig, die wir nicht im Griff haben.
„Es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war“, heißt es in einem Sprichwort. Das klingt ernst und bedrohlich und ist wohl auch so gemeint. Aber: Es enthält ebenso die Chance, dass sich etwas in meinem Leben – sei es Großes oder Kleines – zum Guten wendet. Deshalb ist es gut, den Tag so zu beginnen, wie es vor Urzeiten der Verfasser eines Psalms tat: mit einem Gebet. Er bittet Gott: „Lass mich am Morgen hören deine Gnade; denn ich hoffe auf dich. Tu mir kund den Weg, den ich gehen soll; denn mich verlangt nach dir.“ (Psalm 143,8)
Damit wende ich mich an den, der die Schale des neuen Tages gestiftet hat und der sie so füllen kann, dass ich sie am Abend mit gutem Gewissen zurückgeben kann. Das heißt nicht, dass alles so gekommen sein wird, wie ich es mir wünsche. Es heißt aber: Ich weiß, an wen ich mich dann mit Dank und Klage über diesen Tag wenden kann. Und von wem ich den neuen erwarten will.

Amen.