An(ge)dacht am 1. Weihnachtstag 2020

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Weihnachten – ein Lebensthema

Liebe Gemeinde!

In den biblischen Weihnachtserzählungen kommt dies auffällig oft vor: Menschen suchen etwas.

Schon in der Vorgeschichte zur Weihnachtserzählung taucht dieses Motiv auf: Maria sucht in einer unglaublichen Lebenssituation nach einer Perspektive, als der Engel ihr die Nachricht von ihrer baldigen Schwangerschaft sagt (Lukas 1,34). Danach sucht sie den Kontakt zu ihrer Verwandten Elisabeth und be– sucht sie. Auch Josef sucht einen Ausweg aus der für ihn verworrenen Situation.

Ein paar Monate später suchen sie beide: einen Raum in der Herberge. (Lk 2,7)

Nicht zu vergessen die Hirten: „Sie lagerten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde.“ (Lukas 2,8) Wer Wache hält, sucht Sicherheit. Die Hirten tun es für die Schafe und für sich selber.

Ebenso die drei Weisen aus dem Morgenland auf ihrer Suche nach dem neugeborenen König der Juden: „Wir haben seinen Stern gesehen“ erzählen sie, „und sind gekommen, ihn anzubeten.“ (Matthäus 2,2)

Und schließlich ist sogar König Herodes auf der Suche. Wenn auch nicht selbst, so lässt er doch die Gelehrten in ihren astronomischen Büchern und seine Henkersknechte in den Häusern nach dem Knaben suchen. (Mt 2,7 und 14)

Immer suchen die Menschen etwas. Aus ganz verschiedenen Gründen und mit unterschiedlicher Motivation. Denn hinter dem Suchen stecken Erwartungen, Träume. Dahinter steckt die Hoffnung auf Veränderung, die Sehnsucht nach etwas Heilem. Vielleicht rührt uns die Weihnachtsgeschichte deshalb an, weil sie ans Herz geht. Weil wir dies wiedererkennen. Weil wir uns verbunden fühlen mit den biblischen Menschen, die auch schon auf der Suche sind.

Suchen gehört zum Menschsein dazu. Suchen ist ein Lebensthema, ein Zeichen für Lebendigkeit. Würden wir nichts mehr suchen, dann wäre unser Leben vermutlich trist und langweilig.

Ich suche Kontakt zu anderen Menschen, um Gemeinschaft zu finden. Weil ich meine Familie und meine Freunde brauche: Menschen, die zu mir gehören, die ich liebe, mit denen ich Freud und Leid teile. Ich bin auf der Suche, weil ich Fragen habe. Weil es Spaß macht neugierig zu sein. Weil ich dadurch nicht auf der Stelle trete, sondern in Bewegung bleibe. Ich suche das Gespräch und die Auseinandersetzung mit anderen, zur Klärung des eigenen Standpunktes. Ich orientiere mich an der Bibel, weil sie mir eine Vergewisserung ist, was ich glaube und wo ich meinen Halt finde.

Und so weiter. Wer sucht, hat die Erwartung etwas zu finden.

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Die Weihnachtsgeschichte handelt vom Suchen und Finden

Diese Erfahrung machen die Menschen in der Weihnachtsgeschichte: Sie suchen nicht bloß, sondern sie finden auch etwas: Das Kind in der Krippe. Das ist der Kern der Botschaft.

Als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. (Lukas 2,15-16)

Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“ hatte der Engel den Hirten zuvor verkündet. Mit dem Hinweis, dass sie sich nicht wundern sollen bei ihrer Suche: „Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Wer sucht, muss mit Überraschungen rechnen. Der Heiland Christus, der Herr in Windeln gewickelt? In einem kalten Stall? Wie passt das zusammen?

Auch die drei Weisen aus dem Morgenland erleben eine Überraschung: Im Königspalast finden sie das Kind nicht. Darum suchen sie weiter und lassen sich darauf ein, dass es bei ihrer Suche anders kommt als erwartet. Sie befolgen den Auftrag aus dem Traum nicht wieder zu Herodes zu gehen. Sie üben zivilen Ungehorsam, indem sie auf einem Umweg in ihre Heimat zurückkehren.

Die Hirten und die drei Weisen geben dieser Bewegung nach. Das ist bemerkenswert. Sie bleiben nicht auf etwas Bestimmtes fixiert, das ihren Vorstellungen und Erwartungen entspricht, sondern sie halten sich offen für das, was sie gefunden haben, und für den Weg, der jetzt neu aussieht. Sie lassen sich darauf ein, was sie im Stall von Bethlehem finden. Sie lassen es in ihr Herz hinein.

Anders Herodes. Er hat nur dieses eine vordergründige Ziel im Sinn: Die Aufrechterhaltung seiner Macht. Mit brutaler Gewalt ver-sucht er es zu erreichen. Er ist die harte, negative Kontrastfigur gegenüber den anderen Personen in der Weihnachtsgeschichte mit ihren weichen Zügen.

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Eine alte menschliche Erfahrung lautet: Wer etwas sucht und finden will, erlebt auch Enttäuschungen. Es kann frustrierend sein, wenn man vergeblich auf der Suche ist; wenn man dabei steckenbleibt und nicht zum Ziel gelangt. Wir leben mit Unvollkommenheiten und müssen uns mit manchen Dingen arrangieren, die wir nicht ändern können.

Gottes Verheißung lautet: Wir werden etwas finden – nicht immer nach unseren Vorstellungen, aber vielleicht als Fingerzeig von Gottes Reich und seinem Wirken.

Die Weihnachtsbotschaft motiviert dazu sich auf dieses Suchen und Finden einzulassen. Sich hineinnehmen zu lassen in diese biblische Schalom-Bewegung mit dem Gesang der Engel: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Wenn das „Kind“, das wir jeweils persönlich suchen, diesen Namen bekommt, dann mag es leichter fallen in die Hand zu nehmen, was wir – oft unbemerkt – schon längst gefunden haben.

So merket nun das Zeichen recht:
die Krippe, Windelein so schlecht,
da findet ihr das Kind gelegt,
das alle Welt erhält und trägt.
EG 24, 5

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Weihnachtszeit!

Ihr Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

(Ich markiere die Worte suchen / Suche und finden in den biblischen Stellen dieser Andacht fett, um ihre Häufigkeit optisch zu veranschaulichen.)