An(ge)dacht am 1. Sonntag nach Trinitatis, 14.06.2020

von Pfrn. Dr. Gabi Kern, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte.

Sicher wie in Abrahams Schoß

„Es begab sich aber, dass der Arme starb,
und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß.
Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.“ (Lukas 16,19-31)

In der Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus wird uns von den Folgen der sozialen Kälte am Ende aller Zeit, nach dem Tod erzählt.

Der Reiche hat bemerkenswerterweise keinen Namen. Geschieht das aus Gründen der Pietät, aus Angst vor einem Verleumdungsprozess oder weil die Chance der Hörer erhalten bleiben soll, den passenden Namen einsetzen zu können?

Dabei werden hier die Reichen nicht wegen ihres Reichtums verdammt und die Armen nicht wegen ihrer Armut in den Himmel gehoben, sondern es geht um das konkrete Verhalten des Reichen und um das daraus resultierende Erleben des Armen im Hier und Jetzt. Im Grunde erzählt dieses Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus von zwei Leben, die aneinander gescheitert sind. Das Leben des Armen – und das ist offensichtlich – scheitert am Reichtum des Reichen. Er will Brot, wenigstens so viel, wie vom Tisch des Reichen abfällt. Er bekommt es nicht. Die einzige Beachtung, die er erfährt, ist die von den Hunden, die kommen, um seine eitrigen Wunden zu lecken. Dabei hätte der Reiche die Möglichkeit gehabt anders, nämlich solidarisch zu handeln. Dazu gibt ihm sein Stand alle Freiheiten. Es hätte in seiner Hand gelegen, der Menschenwürde zu ihrem Recht zu verhelfen. Aber ebenso wie sein Herz blieb auch seine Hand angesichts der Not des anderen verschlossen. Lebendig begraben im Prunkgrab seiner Selbstsucht schneidet sich der Reiche damit nicht nur ein Stück weit vom Leben (Lazarus liegt nicht irgendwo, sondern vor seiner Tür!), sondern vor allem von dem Lebendigen selbst ab. Der Reiche ist schon tot – vor seinem Tod. Sein Leben scheitert an der Armut des Armen.

Das Ende des einen: Er wird von Gottes Engeln in den Schoß Abrahams getragen. Lassen wir das Bild so stehen. Oft genug ist es der einzige Trost der Elenden. Und wir hören: Es fragt kein Gott, ob Lazarus auch fromm und gottesfürchtig war. Er war arm, und das genügt. Außerdem sind die Armen oft genug zu arm, um fromm zu sein.

Das Ende des anderen: Das Feuer und der unstillbare Durst (eine ewige Verlängerung seiner irdischen Unersättlichkeit und Gier?). Auch dieses Bild gilt es, so stehen zu lassen, denn so steht es ohne Ermäßigung in der Bibel. Auch der Reiche wird nicht gefragt, wie viel er gebetet hat und wie oft er in der Synagoge (bzw. in der Kirche) war. Er war reich auf Kosten des Armen, das ist sein Urteil.

Wie lebt eine Kirche, eine Kirchengemeinde, deren Theologie nicht von der Armut der Armen her entworfen ist, in deren Versammlungen nicht die „mit Geschwüren Bedeckten“ sitzen, in deren Häusern und auf deren Besitz die Trostlosen selten Asyl finden? Es würde schon etwas bedeuten, wenn wir uns an dieser Stelle des eigenen Widerspruchs bewusst würden. Denn noch haben wir die Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus nicht aus dem Schatz unseres Selbstverständnisses gestrichen. Noch erzählen wir die Geschichte, die unser eigenes Gericht ist.

Wir sind als Kirche, als Kirchengemeinde die fünf Brüder, die noch leben und zu denen der Verdammte den Lazarus zur Warnung schicken wollte. Einen zurückgekehrten Lazarus bekommen wir nicht, aber wir haben „Mose und die Propheten“; es ist uns Menschen gesagt, was „gut“ ist (vgl. Micha 6,8). Amen.

Bild: Abrahams Schoß. Portalrelief von St. Ulrich (Ainau)
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Abrahams_Schoß)