An(ge)dacht am Sonntag Palmarum

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33)

Edvard Munch: „Der Schrei“,
Pastell auf Pappe, 79×59 cm, Privatbesitz

Natürlich ist das Bild „Der Schrei“ von Edvard Munch kein christliches Bild im eigentlichen Sinne und illustriert keine biblische Geschichte oder Szene. Und dennoch muss ich bei diesem Bild immer wieder an die Gethsemaneerzählung aus der Passionsgeschichte denken. Auch hier liegt ja eine Abendstimmung zugrunde, auch wenn dort die Sonne sicher schon untergegangen war und der Himmel nicht mehr verfärbt gewesen ist. Jesus und seine Jünger hatten das Passalamm zusammen gegessen. Er hatte das Abendmahl eingesetzt und Verrat und Verleugnung angekündigt. Aber seine Jünger hatten weder dieses alles noch die Leidensankündigungen richtig verstanden. Sie blieben abseits und, satt und müde wie sie waren, schliefen sogar ein. Von Jesus aber wird berichtet, dass er Angst hatte, dass er zitterte. Und so können wir Jesu Situation in Gethsemane in der Tagebucheintragung Edvard Munchs wiederfinden: „Ich stand da zitternd vor Angst – und ich fühlte etwas wie einen großen, unendlichen Schrei.“ Und diesen Schrei, wie Jesus ihn gefühlt hat, fasst dieser in das Gebet zu seinem Vater. „Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und sprach: ‚Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!'“ (Markus 14,36+36)

Jesus hat Angst. Er hat Angst, wie wir sie immer wieder mal haben. Angst, die nach ihm greift, ihn lähmt und kalt das Herz zusammendrückt. Er hat Angst vor dem Weg, der vor ihm liegt, den er gehen soll. Er hat Angst vor den Leiden und dem Sterben.

Jesus ist also unsere Angst nicht fremd. Er weiß, was es bedeutet, diese lähmende Angst zu haben, die uns zittern lässt. Er ist gerade dann an unserer Seite, wenn der unendliche Schrei uns ergreift, denn er hat als Sohn Gottes unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen durchlebt. Bis hin zu dieser Angst. Bis hin zum letzten Weg. Bis hin zum Sterben. Anders als seine Jünger es bei ihm taten und unsere Freunde, die manchmal es nicht können, ist und bleibt er direkt bei uns.

Aber Jesus möchte, dass wir, wie er es durch das Gebet konnte, die Angst und damit die Lähmung überwinden. Im Garten Gethsemane rafft er sich nach dem dritten Gebet auf. Nachdem er drei Mal mit Gott gerungen hat, ist er gestärkt und sagt zu seinen Jüngern: „Steht auf, lasst uns gehen!“ Siehe, der mich verrät, ist nahe.“ Den Weg, der vor ihm liegt, hat er bewusst angenommen. Er ist ihn nicht fröhlich gegangen, aber er konnte sich darauf einlassen. Und auch wir können unsere Ängste vor Gott bringen. Wir können und dürfen mit ihm ringen, wie Jesus es tat. Auch jetzt und gerade in dieser schwierigen Zeit.

Jesu weiß um die Angst seiner Jünger. Er weiß um unsere Angst. Er weiß, dass wir in dieser Welt immer wieder Angst haben. Darum gibt er seinen Jüngern und uns in seinen Abschiedsreden ein besonderes Wort mit auf den Weg:

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ (Johannes 16,33)

Pfr. Johannes Beer